»Kanaillen-Kapitalismus« von César Rendueles

Spontan gekauft, weil mir der Titel sofort einleuchtete. Wer mit mir länger als fünf Minuten über Tatsächlichkeiten heutiger Arbeitswelten, oder das drangsalierende Verwaltetwerden der Vielen durch die Wenigen babbelt, kennt meinen Spruch: »Wir werden nicht artgerecht gehalten!«

Will man halbwegs nachvollziehen, warum der Menschenzoo des industriellen Kapitalismus so mittelprächtig eingerichtet ist, sollte man mindestens auf die letzten 30 Jahre neoliberaler Kaperung (»Take what you can. Give nothing back!«) der demokratischen Gemeinwesen, sowie Gedankenwelt-Verseuchung durch Werbung und Ausbeuter-Ideologie, besser noch auf die letzten vier- bis fünfhundert Jahre psychopathischer Aneignung und Knechtung des Globus durch heilsgeschichtlich überdrehte Glücksritter und paranoide Freimarkt-Fanatiker zurückblicken. — Der metaphorische Rückgriff auf das Schimpfwort ›Kanaille‹ erscheint mir passend, und ich mag die Umwendung der Klassen-Zuordnung. Ursprünglich wurden als ›wilde, verwahrloste Hundemeuten‹ (Franz. ›canaille‹ => Ital. ›canaglia‹ => Lat. ›canis‹ für ›Hund‹, siehe auch ›Hundsfott‹, ›Hundesohn‹ bzw. das Englische ›son of a bitch‹) herumziehende, keinem lokalen Gemeinwesen verpflichtete, zwielichtig-schurkische Menschengruppen niederen Standes bezeichnet. Für mich nicht weit hergeholt, jetzt eben die wirtschaftliche ›Mover & Shaker-Elite‹ so zu nennen, jene globetrottenden Dauertelefonierender, die stets auf der Suche sind nach Beute, die sie profitwirksam zerlegen können. Martin Scorsese hat einen verstörenden Film über diese ›Wölfe‹, deren programmatische Vordenker sich gern als ›Hütehunde des rationalen Haushaltens‹ gebärden, gedreht.

Tatsächlich bietet der 1975 geborene spanische Soziologe César Renduelesweitestgehend, denn ich glaube, bei den letzten beiden der sieben Kapitel ist ihm bei ein wenig die Puste ausgegangen — unter anderem genau zu diesem Komplex eine wendige Umdeutung der herrschenden Auslegung an, wenn er berichtet vom (1) historischen Ausnahmecharakter der allgemeinen Marktwirtschaft, (2) dem Entstehen des Arbeitsmarktes aus den grauseligen Praktiken der Sklaverei und Straflager, (3) der Struktur der politischen Konflikte im 19. Jahrhundert, (4) den Ursprüngen der für die Industrialisierung typischen Arbeitsorganisation, (5) den katastrophalen Entladungen aufgestauter Spannungen im frühen 20. Jahrhundert, (6) den Sackgassen des Wohlfahrtsstaates der Nachkriegszeit und schließlich (7) den gegenwärtigen Anerkennungs- und Rechtfertigungs-Schwund ökonomischer und politischer Institutionen der Gegenwart, sowie sich abzeichnender möglicher Fluchtwege.

Kurz: eine Buch gewordene Granate, die geeignet ist, ein paar schöne Aussichtslücken in die von Siegern und Gewinnlern errichteten ›there is no alternative‹-Begriffs-Labyrinthe zu sprengen. Ein willkommenes Unternehmen für mich, denn

die herrschenden Klassen {haben sich im Lauf der Geschichte} immer wieder durch ihre armselige, politische Vorstellungskraft ausgezeichnet. (S. 13)

Vorstellungskraft der Herrschenden! Wie es auch bei anderen soziologischen, politischen oder geschichts- & geisteswissenschaftlichen Sachbüchern der Fall ist, begeistert mich »Kanaillen-Kapitalismus« durch eine Aufmerksamkeit und Aufgeschlossenheit für den Themenkomplex rund um Ideenwelten, individuelle und kollektive Phantasien — kurz: für etwas, was ich seit einigen Jahren versuchsweise ›Großraumphantastik‹ nenne — an der sich z.B. Schleusenwärter der hiesigen literarischen, dramaturgischen oder überhaupt künstlerisch-feuilletonistischen Milieus ein Beispiel nehmen könnten.

Überhaupt: ich empfehle dieses Buch ausdrücklich auch als literarische Lektüre, nicht nur, wenn man die eigene holistisch-argumentative Rüstklasse gegen Apologeten einer

Geschichte der Moderne {die} in erster Linie eine Chronik der Unterwerfung des gesellschaftlichen Lebens unter Marktbeziehungen {ist} (S. 24)

hochleveln will, sondern auch, weil sich »Kanaillen-Kapitalismus« wie ein Roman lesen lässt, bzw. entsprechend allen, die selbst schreiben, zur lehrreichen Beherzigung für die Expositions-Aspekte ihres ›world-building‹ dienen kann. 

Die Kurzweiligkeit des Buches ist Dank der dreistimmigen Grundstruktur stabil genug, damit es sich leisten kann bisweilen (u.a wegen fehlendem Sach- & Personen-Index!) etwas unübersichtlich, oder sprunghaft, oder unkonventionell zu wirken. Der große Bogen der Erzählungen vom Aufstieg der freien Marktwirtschaft und des von ihr ausgehenden Unheils wird erläutert durch …

  1. (fürs Hirn) chronologisch-geschichtlichen Referaten, welche mit Leben erfüllt und veranschaulicht werden durch …
  2. (für die Phantasie) zur Epoche passenden, oder die Sachverhalte metaphorisch überhöhend-illustrierenden, literarischen Zeugnissen, wobei beides immer wieder geerdet wird durch …
  3. (fürs Herz) Rendueles’ persönliche Alltags-Erlebnisse und -Beobachtungen.

Wer gewohnt ist, dass ein Sachbuch entweder Thesen brav aufbereitet, oder eben persönlich gefärbte Reflexionen sauber abgepackt offeriert, wird sich womöglich etwas schwer tun, dem roten Faden zu folgen. Mich persönlich hat die berauschende Vielfalt an einleuchtenden Fundstellen, geschickten Verknüpfungen und sich daraus ergebender ›Ah-Ha!‹-Momente nicht gestört. Im Gegenteil: Viele Sachbücher (oder Kritiken) nerven oder öden mich an, wenn Verfasser dem weitverbreiteten Irrtum anhängen, dass Beobachtungswiedergaben, Argumente und Schlussfolgerungen eine ganz besonders seriöse Überzeugungskraft eigen sei, wenn die Autorenpersönlichkeit hinter einem stilistischen Schleier aus kühler Objektivität auf größtmögliche Distanz zum Leser bleibt. Freilich kann es angebracht sein, seine Befindlichkeit im Zaum zu halten, aber bei heftig umstrittenen Gefechten um Ideen, die Wirklichkeits- und Möglichkeitsräume nach bestimmten Kriterien formatieren wollen (oder, eine Nummer kleiner, bei der ästhetischen Bewertung von irgendwas), ist es meiner Ansicht nach nur fair, den Lesern eine zugängliche Chance zu geben, nachvollziehen zu können, wodurch das jeweilige Denken und Empfinden und damit der Standpunkt, von dem aus man schreibt, geprägt wurde.

Ganz besonders kann ich den Kameradinnen und Kameraden der (Genre-)Phantastik zurufen, dass ihnen »Kanaillen-Kapitalismus« allein schon deshalb taugen könnte, weil sich dieser ›literarische Reiseführer‹ die besondere Stärke der Genre-Phantastik, vor allem der Science Fiction — mittels (frei nach Arno Schmidt) ›längerem Gedankenspiel‹ große Bereiche des Möglichkeitsraums zu durchwandern — zu nutze macht, anhand von Texten von Frederik Pohl & C.M. Kornbluth, Ian Watson, Kim Stanley Robinson und der Gebrüder Strugatzki. Besonders hübsche Beispiele gefällig?

  • Mary Shelly (Frankensteins Kreatur als Beschreibung des Proletariats als Monster, dessen Gewalttätigkeit sozialen Ursprungs ist und das von seinem Schöpfer würdevollere Lebensbedingungen einfordert);
  • Georges Perec (dessen Dystopie »W oder die Erinnerung an die Kindheit« eine Insel-Gesellschaft schildert, in der alles konsequent und grausam den Gesetzten des erbarmungslosen Wettbewerbes untergeordnet wurde);
  • J.G. Ballard (feine Lesart seiner »Betoninsel« als moderne Robinsonade über einen, der gestrandet im Niemandswinkel eines Autobahnkreuzes seine konsumistische Selbstentfremdung überwindet).

Wer weiß: vielleicht hilft »Kanaillen-Kapitalismus« somit einigen Leuz ganz nebenbei, ihre Scheu und Skepsis gegenüber den phantastischen Modi zu überwinden.

Als Sach-Essayist versteht Rendueles es, der Verklärung der Diktatur der zweckrationalen ›Vernunft‹ durch Buchhalter, Fabrikbesitzer und Aufseher entgegenzuhalten, dass sich Menschen eben nur unter Anwendung von Zwang und Gewalt an Rhythmus und Logik von Maschinen anpassen, was soweit führt, dass die Individuen sich in ihren eigenen Körpern nicht mehr wohlfühlen, ihr Geist abstumpft. Er ist dabei so fair, einzuräumen, dass die auf Eigennutz fussende Ethik der Marktwirtschaft auf den ›Kampf aller gegen alle‹ zwar zivilisierenden, mäßigenden Einfluss ausübte. Aber die damit einhergehende ›Zertrümmerung des menschlichen Trägheitsmoments‹ durch ein Gesellschaftsverständnis, dessen hierarchische Struktur letztlich nur von der Anhäufung materieller Macht des profitmäßig Verwertbaren geprägt ist, zerfrass halt auch alle Muße und die mit ihr verbundene soziale Aufmerksamkeit der Menschen füreinander.

Als Mensch bringt sich Rendueles ein, wenn er seine eigenen Erfahrungen anführt, beispielsweise, wie schockierend für ihn die stumpfsinnige Realität der Lohnarbeit mit ihren öden, eintönigen Verrichtungen war, oder dass andererseits die für Kulturschaffende und Akademiker typische Dauer-Improvisation letztlich nur chaotisch und ermüdend ist. Besonders erquickend finde ich seine Anekdoten als Vater zweier Kinder, wenn ihn zum Beispiel Mitleid für seinen Sohn überkommt, weil dieser, wie Rendueles selbst, ein normativer Mensch ist, der sich instinktiv an Regeln halten möchte.

Jedes Mal, wenn seine kleine Schwester, die immer Quatsch machen muss, in einen Aufzug steigt, will sie den Alarmknopf drücken, und er wird, vor lauter Empörung und aus Angst vor Kontrollverlust, ganz nervös — was ich sehr gut nachvollziehen kann. (S. 87)

Eine Glanzstelle, wie er Persönliches und Lektüre-Interpretation verbindet, liefert Rendueles anhand von Jack Kerouacs »On the Road«. Als Teenager von dem Buch hellauf begeistert, weil es ihm begreifen ließ, dass

Literatur auch dazu dienen kann, bewusstseinserweiternde Erfahrungen zu machen (S. 195)

fand er es Jahre später als Erwachsender völlig unerträglich, weil er den einschläfernden Aneinanderreihungen der Umtriebe unsympathischer Alphamännchen nichts mehr abgewinnen konnte. Aber dieser scharfe Kontrast zwischen seiner jugendlichen Hingerissenheit und späterer Angekotztheit bringt Rendueles dazu, sich den Status von »On the Road« als Klassiker der Underground- und Alternativkultur zu erklären, weil Kerouac es

gelingt {…}, etwas in ein privates Gefühl subjektiver Intensität zu verwandeln, das in Wirklichkeit eine kollektive politische Niederlage par excellence darstellt. (S. 200/201)

Über den dritten Aspekt von »Kanaillen-Kapitalismus«, die findige Auswahl von literarischen Zeugnissen und ihrer erhellenden Auslegung, könnte ich im Grunde so lange abjubeln, bis ich das ganze Buch nacherzählt habe. Ich musste lachen, wie Adrian Mole aus den Büchern von Sue Townsend und Patrick Bateman aus Bret Easton Ellis’ »American Psycho« von Rendueles als innige Seelenverwandte entlarvt werden, wenn beide eifrig — mal jugendlich kurzsichtig, mal als sadistisches Raubtier — der bürgerlichen Konsumismus-Beflissenheit des Warenfetischismus nachstreben. Und ich teile Rendueles’ Hymne auf den bei uns weitestgehend unbekannten Anarchisten Rafael Barrett (1876–1910), dessen längere Zitate der Übersetzer Raul Zelik für diesen edition suhrkamp-Band erst komplett ins Deutsche übertragen musste, weil es bisher eben nix von Barrett auf Deutsch gibt. Schimpft mich einen naiven Träumer und idealistischen Einfaltspinsel, aber was Barrett anhand seiner Beobachtungen der Knechtung von indigenen Arbeitern der Matepflanzungen in Paraguay, in einem Bericht aus dem Jahre 1908, schreibt, bringt mich zum Zittern, so groß und mächtig wird dabei eine mögliche Welt beschwört, würde nur mehr Geduld und Transparenz, und weniger Gier und Angst unser Zusammenleben unter der Herrschaft der Marktwirtschaft leiten:

In unserer Gesellschaft ist Arbeit in Fluch. {…} Wir haben die Arbeit vergiftet. {…} Allein die Vorstellung, dass Arbeit eines Tages Glück, Segen und Stolz bedeuten wird, wie es vielleicht früher der Fall war! Während ich diese Zeilen schreibe, spielt mein zweineinhalbjähriger Sohn. Er spielt mit Erde und Steinen, um es den Maurern nachzumachen: er spielt Arbeit. Der Gedanke, nützlich zu sein, keimt in seinem zarten Gehirn mit leuchtender Freude. Warum arbeiten die Erwachsenen nicht glücklich und spielend wie die Kinder? Arbeit muss ein göttliches Spiel sein; die Arbeit ist die Liebkosung, die der Geist der Materie zuteilwerden lässt {…}. Wir haben die Arbeit entstellt; haben die Natur zu einer Prostituierten gemacht, die dem Laster und nicht der Liebe dient {…}. Die Arbeit muss die glückliche Ausdehnung überschüssiger Kräfte sein, jugendlicher Glanz {…} eine Gefährtin der Schönheit, der Wahrheit, der heiligen Lebensfreude {…}. Heute hingegen ist die Arbeit eine Gefährtin der Verzweiflung und des Todes, gezeichnet von Erschöpfung, Kälte und Hunger, von der Verlassenheit der Machtosen, von der Verachtung gegenüber den Unschuldigen und Einfachen, vom Schrecken der zur Unwissenheit Verdammten, von der Angst derjenigen, die nicht mehr können. (S. 170/171)

Wer zu sehr schematisch-verkopft und kühl von oben herab denkt und dabei zu wenig aus von unten gemachten, eigenen körperlichen Erfahrung nachempfindet, wird sich sicherlich desöfteren in »Kanaillen-Kapitalismus« verlaufen. Dabei ist, glaub ich, der rote Faden für Letztere leicht im Auge zu behalten. Die uns eingetrichterten, verfälschenden Erinnerungen einer segensreichen Geschichte der Marktwirtschaft dürfen, ja müssen, vehement angezweifelt werden und es bedarf leidenschaftlich vorgetragener Gegenerzählungen derer, die unterjocht, ausgegrenzt und ignoriert wurden, um die verhängnisvollen Entwicklungen, in die uns der Kapitalismus mit der ihm eingeschriebenen Apokalyptik hinabzuziehen droht, korrigieren zu können. Entsprechend mündet Rendueles am Ende in folgendes Fazit:

Seit den Anfängen der Moderne besteht die Demokratie aus der Revolte der Mehrheit gegen die Gewinner des globalen Kapitalismus. Demokratie ist der politische Ausdruck der faszinierenden und immer etwas unscharfen Intuition, dass ein besseres — gerechteres, freieres und erfüllteres — Leben nur unter Gleichen möglich ist, die das ihnen Gemeinsame entdecken, transformieren und teilen. (S. 256)


César Rendueles: »Kanaillen-Kapitalismus. Eine literarische Reise durch die Geschichte der freien Marktwirtschaft« (Capitalismo canalla. Una historia personal del capitalismo a través de la literaura, 2015); aus dem Spanischen von Raul Zelik; Taschenbuch oder eBook, 266 Seiten; edition suhrkamp, 2018.

4 Gedanken zu “»Kanaillen-Kapitalismus« von César Rendueles

    1. Hallo Lapsimont! Freut mich, dass Du mich hier gefunden hast.
      Wegen den ›naiven Träumern‹. Ich weiß nicht mehr, wo ich es aufgeschnappt habe, aber die wirklich radikalen, freien und gerechten Gesellschaftsentwürfe der letzten Jahrhunderte lassen sich daran erkennen, dass sich im Zweifelsfalle autoritäre Linke (zB Stalinismus) und faschistoide Rechte (zB Frankos Regime) gegen sie verbündet haben (zB Anarchisten in Katalonien).

      Gefällt 1 Person

      1. Bin auch hocherfreut, dass ich Dich zum Lesen fand.
        Vor zwei Jahren las ich da ein sensibles Buch zum Thema spanischer Anarchismus: Gecko Neumcke und Stephan Strzoda: Der Chor der Anarchie.
        Leider erregen socle Werke kaum Aufmerksamkeit

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