China Miéville: »The City & The City«, oder: Mördersuche hüben, drüben und dazwischen

China Miéville (*1972) pflegt die löbliche Programmatik, sich für jeden Roman ein anderes Genre vorzuknöpfen, um daraus schubladensprengende Phantastik zu machen. So ist »The City & The City« erstmal ein klassischer Detektiv-Krimi, wenn Commissar Tydor Borlu den Mord an einer unbekannten Frau aufzuklären hat.

Die Sprache ist meist rau, eben typisch ›Hard-Boiled‹-Krimi, auch wenn Miéville (wie immer) massig einige Wortschöpfungen präsentiert und vertraute Begriffe so verwendet, dass sie neuartig schillern. Trotz der kühlen Sprache ist der Roman ungeheuer dicht gewebt, sprich: bietet viele Details und Ideentupfer, statt Gelaber und unnötiger Rekapitulationen. Zudem sind mir einige äußerst gelungene Dialoge aufgefallen, dank derer Miéville sich und seinen Lesern ermüdend weitschweifige Figurenschilderungen erspart.

Bewundernswert finde ich das große Phantastik-Konzept von »The City & The City«. Da gibt es zwei Städte, die irgendwo in Osteuropa an einer Flussmündung liegen: das altmodischere und politisch-kulturell pluralere Besžel, die Heimat von Kommissar Borlu, und das einheitsparteiisch regierte aber Dank Auslandsinvestitionen modernere und wirtschaftlich florierende Ul Qoma. Die Städte liegen auf seltsam-›magische‹ Art in- und nebeneinander. Keiner weiß, ob diese Eigenheit vor vielen Jahrhunderten durch die Trennung einer Stadt, oder das Zusammenwachsen zweier Städte hervorgerufen wurde. Über die geschichtliche Herkunft der Städte gibt es reichlich, teils durch Tabus erschwerte Debatten. Passt, kennen wir doch Ähnliches, wenn z. B. Ideologen eine Leitkultur einfordern und bestimmte Bräuche, Religionen oder sogar Arten das Bedürfnis nach willentlicher Manipulation des Bewusstseins mittels Rauschzuständen zu befriedigen als ›kulturfremd‹ und ›gehört nicht zum alkoholisch-christlich Erbe des Abendlandes‹ ausgrenzen.

Die Grenze zwischen Besžel und Ul Qoma verläuft sehr unübersichtlich. Da gibt es Bereiche, die eindeutig — ›total‹ — nur der Stadt angehören, in der man sich gerade befindet, dann ›alter‹-Orte, die zur anderen Stadt gehören, und schließlich schraffierte ›crosshatched‹-Zonen (übersetzt als ›Deckungsgleichen‹). Die Einwohner der beiden Städte achten penibel darauf, nur die zur eigenen Stadt gehörenden Dinge und Personen wahrzunehmen, und die andere Stadt zu ignorieren (›to unsee, unsmell something‹).

Mit Worten wie ›grosstopically‹ und ›topolganger‹ beschreibt Miéville die Wirrnisse der Zwillingsstädte Besžel und Ul Qomo. — ›Topolganger‹ bezeichnet das Gegenstück eines Ortes in der anderen Stadt. Eine Straße die nicht total in einer Stadt liegt, hat dann zwei Namen. So ist Ioy Street der Ul Qoma-›topolganger‹ von Rosid Strász in Besžel. Für die Bewohner von Besžel sind die Leute aus Ul Qomo zwar ›grosstopically‹ anwesend, aber es ist Besžel-Bewohnern nicht erlaubt die ›anderen‹ in Ul Qoma direkt und bewusst wahrzunehmen, denn allein das wäre schon eine Grenzverletzung.

(Wie meistens, wenn ich einen neuen Roman von Miéville auf Englisch lese, frage ich mich, wie man solche sprachlichen Eigenarten auf Deutsch meistern könnte. Ich habe die Übersetzung für Bastei Lübbe von Eva Bauche-Eppers nicht komplett ›geprüft‹, aber bei der Querbeet-Zweitlektüre musste ich oft anerkennend nicken und schmunzeln. Das ist Fitzelarbeit, die höchste Konzentration und viel Geschick verlangt.)

Von Klein an werden die Bewohner beider Städte darauf getrimmt, die eigenen kulturelle Merkmale zu verinnerlichen, und diejenigen der anderen Stadt zu ignorieren. Die entsprechenden Regeln der Unterscheidung beziehen sich auf solche Dinge wie Schrift und Sprache, körperliche ethnische Merkmale, und erstrecken sich bis hin zu typischen Speisen, Musik, Gesten und Farben.

Das macht natürlich alles mögliche Alltägliche, beispielsweise Straßenverkehr und Feuerwehreinsätze, ziemlich kompliziert, und erst recht Politik und Geschäftsleben und eben auch Verbrechen, wenn wie im vorliegenden Fall eine amerikanische Archäologin als Gast in Ul Qoma wohnt und dort an Ausgrabungen teilnimmt, deren Leiche aber in Besžel gefunden wird.

Die Einhaltung der Trennung überwacht eine unheimliche Macht namens ›Breach‹ (auf Deutsch ›Ahndung‹). Breach ist nicht nur die Bezeichnung für die Straftat der Grenzverletzung selbst, sondern auch der Überwachungsinstanz, ihrer Mitarbeiter, ja der zwischen/über dem Zweistadtgefüge liegende Ort des ›Bruches‹, des ›Risses‹ wird so genannt. Und vor Breach haben alle Bewohner von Besžel/Ul Qoma große Angst, denn die Breach-Angehörigen verfügen über immense Macht und ihnen entgeht nichts was in den beiden Städten geschieht. Das mindeste, was im Roman einer Person die einen Breach begeht widerfährt, ist, dass sie in einen tiefen Schlaf versetzt wird, der andauert, bis der Delinquent des Landes verwiesen wurde. Doch das ist noch milde, denn für gewöhnlich verschwinden Breach-Missetäter spurlos und für immer.

Wie es sich für einen Miéville-Roman gehört, spielen politische Gruppierungen eine wichtige Rolle und es gibt viele gelungene Schilderungen von Besonderheiten unterschiedlicher Milieus. Also uffbasse: dieser Roman legt es darauf an, uns Leserinnen schwindlig zu machen, auch mit all diesen Vetracktheiten ein wenig Beklemmung einzuflößen. Wer sich darauf einlassen mag, kann ein Hirnsausen erleben, mit dem auch die  Bewohner der Doppelstadt ständig zu ringen haben dürften.

Der erste Teil des Romans ist in Besžel angesiedelt, und unter anderem begleiten wir Tydor Borlu zu einer Komitee-Sitzung , bei der entscheiden werden soll, ob man wegen des Mordes an der Unbekannten Breach beschwören soll. Wir lernen Besžel-Faschos von den ›True Citizens‹ und linksgesinnte Vereinigungs-Aktivisten kennen. Wir erleben, welche Umstände ausländische Besucher verursachen und erdulden müssen, und bestaunen den größten zwie-städtischen Grenzübergang Copula Hall.

Ul Qoma steht im Mittelpunkt des zweiten Teils, und ein wichtiger Schauplatz ist hier eine archäologische Grabungsstädte, auf der ein internationales Forscherteam arbeitet. Dramaturgischen Steigerungsschwung erlangt die Handlung durch Borlus Besucherstatus, und durch seine Zusammenarbeit als Berater für den Ul Qoma-Ermittler Quissim Dhatt. — Der Roman beginnt recht sachte und scheinbar krimi-gewöhnlich, steuert jedoch mit einem wundervollen Spannungsbogen auf einen chaotisch-fulminanten Höhepunkt zu.

Richtig gut finde ich Phantastik nicht etwa dann, wenn sie mir Wohlfühlträumerei ermöglicht, sondern wenn sie meinen Assoziationsmotor auf Touren bringt. Der Weltenbau und die Geschichte von »The City & The City« ermunterten mich zu aufregenden Gedankenspaziergängen über Phänomene zur Definition, Beachtung und Missachtung von Grenzen und Ausgrenzung, Wahrnehmung, kollektiver und individueller Identität und Erinnerung. Der Roman sensibilisiert, (wieder) darauf zu achten, was man selbst in seiner Umgebung ausblendet, oder was Mitmenschen, die man beobachtet, im öffentlichen Raum willentlich übersehen. Es ist erstaunlich und leicht verstörend zu bemerken, wie viele unsichtbare Barrieren unsere moderne Lebenswelten durchziehen, hinter denen fremdartig wirkende, Alte, Kranke, Beeinträchtigte und andere Menschen verschwinden. Achtet mal darauf, wo sich Vergrämungsmittel und Absperrungen in eurer Stadt nicht etwa gegen Tauben und anderes tierisches Ungeziefer, sondern gegen Obdachlose und sonstige unerwünschte Personengruppen richten. Wer wie ich in einer Service-Branche arbeitet, kennt vielleicht die sanfte Verpflichtung als Grüßaugust zu fungieren, und zu verinnerlichen, wer z. B. beim Kommen und Gehen in einem Empfangsbereich gegrüßt werden will, bei wem (wegen Morgenmuffeligkeit oder Dauertelefonieren mit Kopfhörern) ein Nicken reicht und wer sich tunlichst darum bemüht mit einer Empfangskraft gar nicht erst Blickkontakt aufzunehmen, weil das Zur-Kenntnis-Nehmen eines Mindestlohns-Dienstleistungs-Deppen bereits eine soziale Zumutung bedeutet.

Eine kürzere Version dieser Besprechung erschien ursprünglich im Mai 2009 in meinem alten Blog. Mittlerweile gibt es seit 2018 von »The City & The City« eine Verfilmung als vierteilige Mini-Serie für BBC Two und die ist (was mich ein wenig freudig überrascht) sogar im deutschen Fernsehen versendet worden und ist seit Februar 2019 auch als VOD und DVD erhältlich. Letzte Woche im Urlaub hab ich diese Adaption gesichtet und kann verkünden: durchaus gelungen und eine empfehlenswerte Erstkontakt-Möglichkeit für die seltsamen Welten von China Miéville. Freilich konnte vom sprachlich-semiotischen Chaos des Szenarios nur das für die Krimi-Handlung wichtige umgesetzt werden, und die Erzählung konzentriert sich vor allem auf das emotionelle Auf und Ab der Hauptfiguren, aber den atmosphärisch-thematischen Kern der Geschichte hat man gut einfangen und das komplexe räumliche, politische und kulturelle Durcheinanders der Städte hat man sehr geschickt und mit viel Liebe zum Detail veranschaulicht. Zudem freut mich, wie hier Schauspieler David Morrissey (bekannt als ›The Governor‹-Bösewicht in Staffel 3 und 4 von »The Walking Dead«) glänzt, zudem er sich in einer Fragerunde zur »The City & The City«-Verfilmung als begeisterter Miéville-Fan outet.

The City & The City_Episode 2_Miéville Cameo.png
Miéville-Cameo in Episode 2 der »The City & The City« Mini-Serie.

Die kluge SF-Kritikerin und Herausgeberin (»Clarkesworld Magazine« und »Emerald City« Fanzine) Cheryl Morgan bringt den Wert von China Miévilles Schöpfung in ihrem Blogeintrag zum Roman sehr gut auf den Punkt:

People will get themselves all mixed up over the presence or absence of fantastical elements {… whether it is actually a science fiction or fantasy book at all}. And that will be magnificently ironic because the book is all about our obsession with categorization. {…} While the book is obviously about multiculturalism, the same argument can be extended to issues such as gender, and even to fandom. {…} Ah well, maybe China will manage to get a few more people to think. {…} And obsession with categories is a dangerous thing.

Molo-Übersetzung:

Über das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von phantastischen Aspekten, {… und ob es sich bei dem Roman nun eigentlich überhaupt um Science Fiction oder um Fantasy handelt …} werden sich die Leute in Debatten verstricken. Das ist wunderbar ironisch, denn das Buch spricht die ganze Zeit über unsere Obsession was Kategorisierungen betrifft. {…} Obwohl sich das Buch offensichtlich mit Multikulturalismus auseinandersetzt, lässt sich sein Hauptanliegen auch auf solche Themen wie Geschlecht, ja sogar Fandom anwenden. {…} Nun ja, vielleicht schafft es China ja, mehr Leute zum Denken zu bringen. {…} Es ist gefährlich von Kategorisierungen besessen zu sein.


China Miéville: »The City & The City« (2009), 312 Seiten; Macmillan (gebundene UK-Ausgabe); Pan (UK-Taschenbuch 2011); Übersetzt von Eva Bauche-Eppers bei Bastei Lübbe (Deutsche Taschenbuch-Ausgabe 2010); Pandastorm DVD (BBC-Miniserie 2018, ca. 240 Minuten).

Sydney Padua: »The Thrilling Adventures of Lovelace & Babbage«, oder: Auf zur Differenz-Maschine!

Interesse an den geschichtlichen Wurzeln der Computertechnologie und des Programmierens? An Mathematik, Kybernetik und Technikgeschichte? Am sozialen Leben von Nerds, Erfindern, unkonventionellen Individualisten in der frühen Viktorianischen Epoche? An Problemen zur historischen Quellenkunde und wie man sich der (menschlichen) Wahrheit anhand von Überlieferungen annähert? An Gedankenspielen und Alternativ-Universen? — Dann auf, und rann an dieses Buch.

Wie es Sydney Padua gelingt (a) scheinbar ganz lässig einerseits ›einfach nur‹ lustige Cartoons zu bieten, und (b) durch Anbringen von Fußnoten (die auch wieder Fußnoten haben können), Endnoten und einem umfangreichen Anhang mit extrem gut verständlichen Sachkunde-Ausflügen zu vermengen, und dann (c) die eigene Rolle als begeisterte Amateur-Biographin-Historikerin zu reflektieren, ist atemberaubend.

Entsprechend ist es schwer für mich, meine Begeisterung für den meisterlich umgesetzten Stoff und die gewitzte Autorin/Zeichnerin auseinanderzuhalten. Sydney Padua ist eine dieser einnehmenden, aufgeweckten Personen, die ihr Herz und Ideengestöber scheinbar stets auf der Zunge spazieren führen — und dass sie sich dabei selbst köstlich auf den Arm nimmt, macht sie nur sympathischer. Eigentlich verdient sie ihre Brötchen als Animatorin und Visual FX-Artist (u.a. für »The Iron Giant«, »The Golden Compass«, »John Carter of Mars« und jüngst in der Neufassung von »Das Dschungelbuch«) und stolperte in eine Karriere als Comiczeichnerin, weil eine Kumpanin sie für den Ada Lovelace Day 2009 um einen Cartoon gebeten wurde. Wer sich mit der historischen Entwicklung von Computern auskennt (oder Science Fiction- und Steampunk-Leuz, die »Die Differenz Maschine« von Bruce Sterling und William Gibson mögen) wissen meist zumindest vage, wer Ada Lovelace war.

Fünf längere Cartoons bietet der Band:

  1. Die Vorgeschichte von Ada Lovelace und Charles Babbage, und wie ein Trottel von der Zeitstrang-Polizei versehentlich ein Alternativ-Univerum kreiert, in dem die Lebenswege von Lovelace und Babbage nicht so tragisch verliefen wie in der tatsächlich stattgefunden haben Wirklichkeit, und in der aus der ›Difference‹– bzw. ›Analytical Engine‹ mehr wird, als lediglich Pläne und Teil-Prototypen;
  2. Die junge Königin Victoria besucht das Erfinderteam, welches versucht, ihr die Maschine zwecks finanzieller Förderung schmackhaft zu machen, u. a. als Mittel um die Weltherrschaft zu erlangen und Verbrechen zu bekämpfen (wobei für Ada — aufgrund ihrer Kindheit als Tochter des berüchtigten Lord Byron und ihrer damit verbundenen, mutmaßlichen Anfälligkeit für Wahnsinn — ›Poesie‹ als Verbrechen gilt, während Babbage allen nervigen Straßenmusikern Londons den Kampf erklärt hat);
  3. Wirtschaftskrisen und Pleitebanken gefährden die Gesellschaftsordnung, also bauen Ada und Charles eine Maschine, um die wirtschaftliche Entwicklungen zu prognostizieren (mit einem fulminanten Gastauftritt von I. K. Brunel);
  4. Die ›Analytical Engine‹ soll ein für alle Mal Rechtschreibfehler merzen (mit kleinen Gastauftritten von Charles Dickens, Wilkie Collins und Thomas Carlyle), und bei einem Testlauf verirrt sich eine ganz putzig portraitierte George Eliot, aka Marian Evans, in den Eingeweiden der riesigen Maschine;
  5. Ada ist von der Idee Imaginärer Zahlen fasziniert und macht eine »Alice im Wunderland«-artige Reise in ihre eigene Psyche, bei der sie über die Verwandtschaft von Mathematik und Poesie nachdenkt (mit einem Gastauftritt von Lewis Carroll).

Dazwischen gibt es immer wieder kleinere Cartoons z. B. wie Babbage anhand einer seiner Statistiken Maschinenstürmer davon überzeugt, dass Maschinen gar nicht sooo böse sind; oder wie fatal es für den Logiker George Boole ist, nur mit »Nein« und »Ja« auf die Bewirtungsfragen des Dieners von Babbage zu antworten.

Am meisten Respekt gebührt Padua allerdings dafür, wie tief sie in den historischen Quellen — Briefen, Biographien, Büchern mit Klatsch und Tratsch der Epoche — geschürft hat, um zig unglaubliche Details zu finden.

Mein persönlicher Favorit: Während Ada beim Besuch der Queen in die Machinen-Innereien aufbricht, um einer Fehlfunktion nachzuspüren, gibt sich Babbage Mühe, die Königin abzulenken zu unterhalten.

»Erzähl bloß nicht die Geschichte mit dem Käse!«, denkt sich Ada noch.

In ihrer Fußnote erklärt Padua dann, dass sich Babbage eine frühe SF-Story ausgedacht hat, über kleine Wesen, die in einem sich ausweitenden Universum leben. Es entpuppt sich dann, dass die Wesen Käsemilben und das Universum ein Käse ist. Und publiziert hat Babbage das als Sprengsel seiner Biographie. Und in einer weiteren Fußnote führt Padua weitere Käsemilben-Geschichten auf, Satiren und Gedichte u.a. von Arthur Conan Dolye dem Erfinder von Sherlock Holmes.

Sydney Padua_Lovelace and Babbage_The Cheese Story.JPG

Vollends haben sich dann meine Augen staunend geweitet, aufgrund der Hingabe und dem Vermögen, mit dem Padua etwas so irr Komplexes und Wahnwitziges anschaulich zu erklären vermag, wie die mechanischen Computer aus Zahnrädern, Schneckenwellen, Hebeln, Lochkarten und tausend anderen pfiffigen Vorrichtungen, die Babbage erfunden, und für die Lovelace 1843 (!!!) die ersten Programme geschrieben hat. Immerhin: das ist ein vollwertiger Computer, den man mit einer Kurbel bedient! — Hier ein Beispiel aus Paduas Blog (Katzen jagen die Mäuse, die in den Rechengetrieben der Maschine sonst für Fehler sorgen würden), und der ganze Blogeintrag.

Berührend fand ich, wie dieses Comic-Sachbuch-Wunderding mit großer Anteilnahme erzählt, was für eine außergewöhnliche Freundschaft Lovelace und Babbage verbunden hat. Beide waren komplizierte, schwierige Menschen, selbst in einer an Exzentrikern reichen Epoche wie dem frühen 19. Jahrhundert. Doch Ada war die einzige Person, die tatsächlich begriffen hat, was für eine mathematische, informationstechnologische und damit gesellschaftliche Revolution die Maschine von Charles in sich barg.

Fazit: Charmantes, lehrreiches, unterhaltsames, lustiges und schlaues Wunderbuch. Sprichwörtlich eine eierlegende Wollmichsau. — 5 von 5 Sternchen von mir bei Goodreads, und aufgenommen in die edle Schar meiner Allzeit-Lieblinge.

Zudem: Wieder einer dieser Titel, dem ich die Daumen drücke, dass ein deutscher Verlag seinen Mumm zusammenkratzt, um ihn auch deutschen Lesern und vor allem jungen Leserinnen zugänglich zu machen. Kommt schon. Das Buch ist mittlerweile vier Jahre alt! Ich stünde als Übersetzer oder Berater bereit.

Most important: Thanx to Nick Harkaway who recommended this gem in his blog and on goodreads. FULL OF WIN!


Padua, Sydney: »The Thrilling Adventures of Lovelace & Babbage«; Zehn Kapitel und zwei Sach-Anhänge auf 317 Seiten; Gebundene US-Ausgabe mit Schutzumschlag; Pantheon Books, 2015. Auch als eBook erhältlich.

Jahresrückblick 2018: Literatur

Introdubilo: Meine Jahresbesten-Listen habe ich zwar schon im Dezember auf Twitter rausgeballert, aber das waren voreilige Hüftschüsse und noch nicht vollständig … spontan ist, was einem Tage später einfällt. Da ich nicht dem allgemein grassierenden Aktualitätswahnsinn verfallen bin, ist’s mir herzlich Wurscht, wann die Titel erschienen sind, Hauptsach’, ich hab’se letztes Jahr geschmökert oder ausführlicher angelesen.

Etwa seit dem Jahreswechsel 2017/2018 habe ich mir die Regel auferlegt, bis auf Weiteres keine englische Prosa zu lesen, weil ich merkte, dass durch jahrelange überwiegend englische Lektüren mein Kontakt zur deutschen Sprache verkümmerte und ich zudem Stoffe vernachlässigte, bei denen ich auf deutsche Übersetzungen angewiesen bin (siehe Luo Guanzhong und Herodot). Was ich mir noch erlaube sind englischsprachige Hör- und Sachbücher, sowie Comics/Graphic Novels und man sieht, wie ich diese Ausnahmen strapaziere.

Ich habe 2018 großartige Leseabenteuer erlebt z. B. was Fantasy-Comics angeht …

  • … mit allen 36 Bänden der unvergleichlichen »Donjon«-Saga von Joann Sfar, Lewis Trondheim und zig Kollaborateuren;
  • und mit den ersten zehn Bänden von Trondheims »Ralph Azham«;
  • und mit den acht Alben der ersten großen »Lanfeust von Troy«-Queste von Christophe Arleston und Didier Tarquin (Hach! Süße Nostalgie);
  • und mit Trade vier und fünf meiner geliebten »Rat Queens« von Kurtis J. Wiebe und Owen Gieni;
  • und den fünf edlen ›Team Avatar‹-Library-Editions (mit Anmerkungen!) von Gene Luen Yang, Gurihiru, Michael Dante DiMartino und Bryan Konietzko.

Auch die beiden Abschiedsgeschenke an die Twin Peaks-Gemeinde, »The Secret History« und »The Final Dossier«, die der Co-Autor des legendären TV-Kunstwerks Mark Frost als Ergänzung zur dritten Staffel offeriert, wären ’nen eigenen Eintrag wert.

Und ich hab mit »And Then There Where None« (Deutsch bekannter unter dem inzwischen zurecht als unsensibel geltenden Titel »Zehn kleine Negerlein«, neu übersetzt als »Und dann gabs keinen mehr«) meinen ersten Roman von Agatha Christie als Hörbuch verkostet und war baff, wie gut die Grand Dame erzählt (immerhin noch vor Tolkien und der Bibel die meistverkaufte Autorin aller Zeiten seit ever).

Zu all diesen Juwelen gibt’s beizeiten vielleicht eigene Einträge — und ich wäre dankbar um Rückmeldungen (als Kommentar unten, via Twitter-Tweet oder PM, oder über Kontakt-Formular), was ihr gern bald mal hier lesen würdet —, also beschränke mich jetzt auf zehn herausragende Titel, weil: irgendwie muss ich ja zu Potte kommen mit diesem Rückblick.

Los gehts!


César Rendueles: »Kanaillen-Kapitalismus: Eine literarische Reise durch die Geschichte der freien Marktwirtschaft«

(2015, Deutsch 2018; 266 Seiten; als Suhrkamp-Taschenbuch gelesen)Hier geht es zu meiner ausführlichen Bejubelung. Kurz: eine Buch gewordene Granate, die geeignet ist, ein paar schöne Aussichtslücken in die von Siegern und Gewinnlern errichteten ›there is no alternative‹-Begriffs-Labyrinthe zu sprengen. Ich empfehle César Rendueles auch allen Freunden der Phantastik, denn er hat (a) ein großes Herz für Science Fiction und (b) verdeutlicht kurzweilig, wie sehr historisches Erinnern und gesellschaftliches Möglichkeitsdenken von Pflege und Gesundheit der Vorstellungskraft abhängig sind. Zudem zeigt er als Interpret großes Geschick dabei, literarischen Texten ihre beabsichtigte oder (als Zeugnis ihrer Zeit) unfreiwillige Relevanz zu entlocken. Als Nacherzähler geschichtlicher Entwicklungen von Gier-Dynamiken und Machtkämpfen kann sich jeder Autor bei ihm eine Scheibe abschneiden, was den Expositions-Anteil von Weltenbauen angeht. Und Rendueles beweist, dass Argumentationen just durchs Einflechten bisweilen sehr persönlicher Eindrücke und Erlebnisse nachvollziehbarer und damit sozusagen ›objektiv‹ glaubwürdger werden.

Alan Moore (Text) & J. H. Williams III (Zeichnung): »Promethea«

(2000-2006, ca. 906 Seiten; als 5 American Best Comics-Trade Paperbacks gelesen)Erstmal Empörung! Nur der erste von fünf Sammelbänden ist vor Jahren bei Speed (Verlag Thomas Tilsner) erschienen. Hat sich wohl nicht gut genug verkauft (der deutschsprachige Comic-Markt und seine Kunden sind bisweilen sooo dumm!). Ich stünde als Übersetzer/Berater bereit, falls irgendwer dieses Schmuckstück noch mal anpacken möchte!

»Promethea« ist für mich in dreierlei Hinsicht ein ganz besonderes Comic:

  1. Männchen Alan Moore läßt — wie schon bei der Jack the Ripper-Meditation »From Hell« oder, zusammen mit seiner Gattin Melinda Gebbie, dem Edel-Kunst-Porno »Lost Girls« — wiederum seinen inneren Feministen von der Leine und schickt eine magische Superheldin los, die kaputte, moderne Welt mit ihren patriarchalen, kapitalistischen, konsumsüchtigen und einseitig Wissenschafts-gläubigen Missständen einstürzten zu lassen. Eine fulminante Comic-Agitation par excellence!
  2. Als Guru nutzt Alan Moore die 32 Kapitel von »Promethea« ausdrücklich als lehrreiche Einweihung in magisch-okkulte Denk- und Symbolwelten, indem er seine Titelheldin buchstäblich auf den Pfaden des Kabbala-Weltenbaums herumlatschen, durch Planeten-Sphären und Traum-, Gedanken- Unterbewusstseins-Reiche wandeln läßt. Er tut das ganz im Sinne einer (ich nenne das mal so) therapeutischen Magie-Auffassung, bei der es eben nicht um Machtgewinn und materialistische Dominanz, sondern um holistische Horizonterweiterung, Selbsterkundung und Versöhnung geht. Magie ist für Moore vor allem die Kunst des Umgangs mit Sprache und Symbolen, wie man diese liest, manipuliert, kombiniert und transformiert. Moore hat m. E. völlig recht, wenn er (sinngemäß) dieses Werk gegen den Vorwurf zu didaktisch/belehrend zu sein verteidigt: »In den Regalen tummeln sich tausende Comics die keine philosophische Standpauke bieten. Da sollte doch Platz sein für eins, was genau das tut.«
  3.  Was der Künstler J. H. Williams III unter der konzeptionellen Leitung von Moore hier an kreativen Augenschmaus ausbreitet, ist schlichtweg auf allerfeinste Art überwältigend. Man muss im Reich der Comics und graphischen Kunst lange suchen, um eine gleichartige Anhäufung überraschender, brillanter Kniffligkeiten und ornamentaler Wucherungen zu finden, wenn die Elemente der Tarot-Karten (Erde/Münzen, Wasser/Kelche, Feuer/Stäbe, Luft/Schwerter) oder deren Große Arkana, oder die Chakra der indischen Weisheitslehren, oder die trügerische Natur der Zeit anhand von Spaziergängen auf einem Möbiusband dargestellt werden.

Ich kann allen, die sich nicht gleich vom wonniglichen Durch- und Ineinander von Genres, Vortrag und Äktschn einschüchtern lassen »Promethea« als womöglich besten (und schönsten sowieso) Rundum-Schnellkurs in Sachen Magie empfehlen, den es derzeit auf dem freien Markt gibt.

Ach ja, fast vergessen: allen, die irritiert einwenden, ein Comic hätte in ’nem Literatur-Jahresrückblick nix zu suchen, rufe ich demütig zu: »Fuck off!«

Stephen Fry: »Mythos: The Greek Myths Retold (1)«

(2017, 442 Seiten; gehört als Penguin-Audio Book)Vorweg: die deutsche Ausgabe »Mythos — Was uns die Götter heute sagen«, die letztes Jahr beim Aufbau Verlag erschien, kann ich nicht wirklich beurteilen. Gemäß der Leseprobe hat Matthias Frings das Buch ganz gut übersetzt.

Tausendsassa Stephen Fry muss ich wohl nicht groß vorstellen. Nur soviel: zuerst hab ich ihn in den 90ern als Autor beim Haffmans Verlag, dann erst als Schauspieler und Komiker, Moderator, bekennenden Atheisten und Depressions- und LGBT-Aktivisten kennengelernt. Meiner Meinung nach ist er ein würdiger Erbe der Stellung ›netter, geistreicher, lustig-kritischer Weltbürger‹, die vor ihm jemand wie Peter Ustinov inne hatte. Harry Potter-Fans (ich bin Ravenclaw!) die mit J. K. Rowling ihr Englisch aufgepimpt haben, wissen höchstwahrscheinlich, wie ohrenschmeichlerisch seine Vorlesekunst als Hörbuchsprecher ist.

Frys Nacherzählung der griechischen Mythen kann als Meisterklasse dazu dienen, wie sich mit registerreichem, persönlichem Plauderton Erzählen und Erläutern verknüpfen lassen. Dieser erste Band »Mythen« bereitet in etwa den Stoff auf, der sich in den »Metamorphosen« des Ovid finden lässt, also vom Anbeginn der Welt, den Ur-Wesen und -Kräften, den ersten beiden Götter-Generationen der Giganten und Titanen, den Geschichten zur dritten Generation um Vatermörder/Göttervater Zeus und seines Pantheons, und schließlich seinen, sowie der anderen GötterInnen Machenschaften mit Sterblichen bis etwa König Midas. Der zweite Band »Heroes«, in dem es dann um die späteren Halbgötter und Helden wie Herkules, Perseus, die Argonauten und Odysseus geht, ist auf Englisch bereits erschienen.

Im Verlauf des letzten Jahres hat mich nach frustrierenden, erschöpfenden und deprimierenden Tagen nichts wieder so aufgerichtet und mit Frohmut erfüllen können, wie dieses Hörbuch. Als Wort-Fetischist hat mich begeistert, wie Fry kaum eine Gelegenheit auslässt, beiläufig die Bedeutung von Namen und ihre etymologischen Spuren bis in die Gegenwart zu erläutern. Als Pulp-Fan war ich hingerissen vom Mut und Geschick, mit der Fry die Krassheiten der Mythen darreicht mit all dem herumspritzenden Blut und Samen, den seelischen und körperlichen Grausamkeiten, übermenschlichen Zügellosigkeiten und sentimentalen Zartheiten, launischen Kapriolen und Albernheiten. Er macht das nie um des reinen Spektakels und Effekts willen, sondern um, ganz im Sinne einer wichtigen Funktion von Mythen, unser sterbliches Sein in der Welt zu bespiegeln, auch, indem er sich als Zeitgenosse positioniert und immer wieder kommentierend auf aktuelle Zustände verweist.

Fazit: von allen Titeln dieses Rückblicks der zugänglichste, vielseitigste und erbaulichste. Ein pures Vergnügen.

Herodot: »Historien«

(5. Jhd. v. d. Z., 2017; 951 Seiten; ca. 20% Zweitlesung als gebundenes Alfred Kröner-Buch)Herodot von Halikarnassos wurde vor etwa 1500 Jahren geboren und gilt wegen seiner »Historien« (= ›Erkundungen‹, ›Entdeckungen‹ => historein = ›nachfragen‹ => histor = ›weiser Mann, Richter‹ + wid-tor-/weid = ›sehen‹; abgeleitet davon ›Darlegung (wahrer oder falscher) Ereignisse; erzählerische Schilderung vergangener Geschehnisse‹) als ›Vater der Geschichtsschreibung‹. Den Ruf hat Herodot schon lang inne und gehört damit im Literatur-Kanon unter die VIPs der ›Klassiker der Klassiker‹. Manche erinnern sich vielleicht noch an die Bedeutung einer vollgekritzelten »Historien«-Ausgabe in »Der Englische Patient« von Michael Ondaatje (Roman) bzw. Anthony Minghella (Film), und im neusten »Assassin’s Creed«-Game »Odyssesy« begleitet er die Spielerfigur als Obi Wan/Gandalf-Archetyp und übernimmt dabei wie diese die Rolle des touristischen Reiseführers (»Sehet, Athen, die Wiege der Demokratie!«).

Letzters war mir ein willkommener Anlass, nach Jahrzehnten eine Zweitlektüre anzugehen. Aber ich merkte schnell, dass mir die (zugegeben: günstigere) Insel-Taschenbuchausgabe nun nicht mehr genügt und so besorgte ich mir die Ausgabe des Alfred Kröner-Verlags. Was soll ich sagen: so geht Klassiker-Edition! Eingängig zu lesen, auch wegen des schönen Satzes; umfangreiche Anmerkungen, Namen- und Sach-Register und ’ne Karte bieten Orientierung, Vertiefung und Klärung; und die Verarbeitung des gebundenen, handlichen Buches ist so robust, dass man den kleinen, festen Ziegel, ohne dass der groß Schaden nimmt, auch quer durchs Wohn-/Daddel-Zimmer jemanden, der den letzten Keks stibitzen will oder den Joint nicht kreisen lässt, an den Dötz schleudern kann.

Ganz besonders allen Fantasy-Autoren und -Lesern empfohlen, weil Original-Texte wie dieser 1000 mal mehr als Anregungs-Fundus wert sind, als dumme Nachäffereien und Schablonen-Gestümper aus Rollenspielwerken und Franchise-Schmarrn. Als einer der Weltpioniere des Erzählens pfeift Herodot nämlich auf Schreib-Rezepte, die heut größtenteils nur gängeln, verwirren und Kreativität verdörren lassen. Bei ihm gehen Zoten Hand in Hand mit politischen Analysen, Landschaftsbeschreibungen mit Schilderungen zu Wirtschaft und Gesellschaft einer Region, und »Historien« ist auch sonst eine muntere Pralinenkonfektion die beweist: die Altvorderen waren zuweilen moderner und vielseitiger als wir lahmarschigen Gegenwartsmenschen. Siehe unten, Luo Guanzhong.

Ich hoffe bald eine Nacherzählung der (vielleicht) besten Kurzgeschichte aller Zeiten, die ich in »Historien« gefunden habe, hier anbieten zu können. Wer sich spoilern mag, kann ja beim nächsten Besuch eines Qualitätsbuchladens oder der Bücherei Seite 172–176 der Kröner-Ausgabe lesen. Viel Spaß!

Carolin Emcke: »Gegen den Hass«

(2016, 240 Seiten; gelesen als gebundenes S. Fischer-Buch) — Irr gutes Buch. Sozusagen eine weltliche ›Predigt‹ und entsprechend appellativ (= zu etwas auffordernd, ermunternd). Am meisten bewundere ich die Sprache. Carolin Emcke schafft es meisterlich, sich Erscheinungen und Problematiken des Hasses (und dessen, was von ihm bedroht wird) aus verschiedensten Richtungen zu nähern und mit einer teilweise erschütternden Klarheit zu beschreiben (z. B. anhand hervorragender Beobachtung, ja, Zerlegung in die einzelnen Bestandteile, zweier prominenter Hass-Vorfälle der jüngeren Zeitgeschichte:

  1. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bei Ankunft von Flüchtlingen in Clausnitz im Februar 2016;
  2. Institutioneller Rassismus anhand des Todes von Eric Garner durch Polizeikräfte in New York im Juli 2014)

und nutzt dafür eine einfache, eingängige (und ich meine nicht: simple oder naive) Sprache, die jeder verstehen kann, der zu lesen gewillt ist. Nur drei- oder viermal ist mir aufgefallen, dass sie einen Begriff eines merklich zu ›hohen‹ akademischen Niveaus verwendet, ohne ihn elegant aufzulösen. Ansonsten makellos.

So argumentiert man klar und nachvollziehbar über allgemeine gesellschaftliche Themen: mit offenem Visier, ohne Bühnenmagiertricks, inklusive persönlich werden und selbst positionieren, ohne in Sentimentalität oder emotionelles Schwallen abzugleiten. Großartiges Anknüpften an die bewahrenswertesten Strömungen aufklärerischen Schrifttums. Ganz besonders viel Liebe von mir für Frau Emcke, weil auch sie Aufmerksamkeit zeigt für das, was ich Großraumphantastik nenne, weil Phantastik eben mehr ist, als ein seltsamer Modus der Unterhaltungs-Medien, sondern auch von grundlegender Wichtigkeit für Weltbild-, Denk- und Gefühls-Kultivierung von Individuen und Gruppen ist. Sehr schön z. B. in diesem Absatz (S. 63):

Was geschieht durch eine solche gefilterte Sicht {der Hassenden} auf die Welt? Wie wirkt es sich aus, immer und immer wieder Menschen nur in einer bestimmten Rolle, in einer bestimmten Position, mit einer bestimmten Eigenschaft zu erleben? Es produziert zunächst noch nicht einmal Hass. Diese Engführung verstümmelt vor allem die Phantasie. Das Fatale an Foren und Publikationen, in denen Geflüchtete immer und ausschließlich als Kollektiv und niemals als Individuum auftauchen, in denen Muslime immer und ausschließlich als Terroristen oder rückständige »Barbaren« beschrieben werden, ist, dass sie es nahezu unmöglich machen, sich Migrantinnen und Migranten als etwas anderes vorzustellen. Sie schmälern den Raum der Phantasie und damit der Einfühlung. Sie reduzieren die endlosen Möglichkeiten, muslimisch oder zugewandert zu sein, auf eine Form. Und dadurch verkoppeln sie individuelle Personen zu Kollektiven, und Kollektive verbinden sich mit immer denselben Zuschreibungen. Wer sich nur über diese Medien informiert, wer nur diese gefilterte Sicht auf die Welt und die Menschen darin zu sehen bekommt, dem oder der prägen sich stets dieselben fixen Assoziationsketten ein. Es wird mit der Zeit nahezu unmöglich, sich Muslime oder Migranten anders zu denken. Die Vorstellungskraft ist verstümmelt. Geblieben sind nur jene Abkürzungen des Denkens, das nur noch mit fertigen Zuschreibungen und Urteilen operiert.

Hut ab. Applaus!

Marwan Hisham (Text) & Molly Crabapple (Illustration): »Brothers of the Gun: A Memoir of the Syrian War«

(2018, 320 Seiten; gelesen als gebundenes One World-Buch)Erstmal Luft machen: Ich bin gespannt, ob sich irgendein hiesiger Verlag aufraffen kann, beizeiten eine deutsche Ausgabe dieses wunderschönen Buches zu liefern. Ich stünde gerne als Übersetzer zur Verfügung!

Es ist schlichtweg eine Schande, dass kaum etwas von Molly Crabapple (die ich jüngst neben Mandolinisten Chris Thilie und Comic-Guru Alan Moore genannt habe, als die Pre-Raphaelite Girls Explaining fragten, welche drei Zeitgenossen einem einfielen, die man als Genie bezeichnen würde) auf Deutsch erschienen ist. Es sollte doch im Land, in dem sich Crabapples Freundin und Aktivismus-Genossin Laurie Penny großer Popularität erfreut, kein Ding der Unmöglichkeit sein, dass mal mehr erscheint, als einsame Lobeshymnen bei »Der Spiegel« (»Künstler: Politik? Yeah« vom 07. April 2014), oder sieben Übersetzungen ihrer »Vice«-Beiträge. Immerhin lief bei Arte die von Crabapple moderierte Dokumentation »Sex in the Comics« (2012) und sie war schon zu Gast bei der Rosa Luxenburg Stiftung in New York. Ganz uneigennützig fänd ich freilich am Allergeilsten, wenn irgendeine Galerie, Kunsthalle oder ein Museum mal die Eier hätt, eine große Crabapple-Werksschau zu veranstalten.

Zum Buch selbst: In »Brothers of the Gun« erzählt Marwan Hisham anschaulich, wie es ist im rückständigen Raqqa als Sohn einer Arbeiterfamilie aufzuwachsen; wie es auch in einem von islamischen Geistlichen geführten strengen Internat eher auf Vitamin-B als Lernen ankommt; was für Erschütterungen dann Shakespeare- und andere westliche Lektüren bescheren können; wie langjährige Freundschaften auseinander driften, wenn man beginnt, sich in unterschiedlichen Milieus zu tummeln; wie im Zuge der syrischen Massendemonstration vom Sommer 2011 für kurze Zeit Hoffnung aufkommt und wie jedoch alles schnell wieder vor die Hunde geht, als die Bewegung niedergeschlagen wird und in zig miteinander konkurrierende Fraktionen zerfällt. Völlig düster und oftmals absurd wird es, wenn Hisham berichtet, wie er im von Daesh-Fanatikern besetzten Raqqa überlebt und zeitweise ein Internet-Cafe betreibt, in dem sich die IS-Kämpfer entspannen.

Man liest hier viele Geschichten von den Menschen in Syrien und wie sie versuchen mit der chaotischen Brutalität des Bürgerkriegs bzw. Stellvertreterkrieges zurechtzukommen. Ich kann »Brothers of the Gun« nachdrücklich empfehlen, wenn man nach einem Gegengewicht sucht zu trockenen politischen und strategischen Analysen, aber macht euch gefasst: ich selbst habe immer wieder längere Pausen einlegen müssen, wenn mir die Schilderungen zu nahe gingen und mich zu sehr aufwühlten. Und dabei beziehe ich mich nicht auf explizite Grausamkeiten und Gewaltschilderungen (mit denen sich Hisham merklich zurückhält), sondern auf Beschreibungen dazu, wie die Menschen in Syrien trotz aller widrigen Umstände danach streben, sich friedlich miteinander zu arrangieren, und dann natürlich auch, wie sie daran scheitern, sich gegenseitig verraten, die Not des Mitmenschen ausnutzen. Es spendet zugleich Mut und erregt mein Mitgefühl zu lesen, wie in Syrien die Menschen versuchen kleine Träume der Sicherheit und Oasen der Schönheit zu schaffen, in einer von blinden Machtstreben und willkürlicher Zerstörungswut dominierten Welt.

Marwan Hisham hat als zeitweise einziger englischer Tweet-Berichterstatter aus Raqqa den Kontakt zu Molly Crabapple und westlichen Medien gefunden, für welche er mittlerweile als Journalist schreibt, und es aus Syrien raus geschafft. Es ließe sich ein eigener Text darüber verfassen, warum die Illustrationen von Crabapple — die auf Hishams Aufnahmen und ihren eigenen Kenntnissen von Reisen in der Region basieren — eindringlicher und zeitloser sind, als das, was einem ›nur‹ Fotografien vermitteln können.

Luo Guanzhong: »Die drei Reiche«

(14. Jhd., 1679, Deutsch 2018; 1750 Seiten; bisher ca. 30% gelesen als gebundenes Fischer-Buch) — Obwohl ich querbeet in allen möglichen und z. T. abseitigen Literaturgefilden gründle, kann ich beeindruckt sagen: so etwas wie »Die drei Reiche« ist mir bisher noch nicht untergekommen. Schon der allererste Satz ist geeignet, Leser vollends umzuwuchten:

Kapitel 1

Bei einem Fest im Pfirsichgarten verbünden sich drei tapfere Männer. Beim Köpfen der Gelben Turbane zeigen die Helden erste Erfolge.

Die Geschichte lehrt, dass die Macht über die Welt, wenn sie lange geteilt war, geeint werden muss, und wenn sie lange geeint war, geteilt werden muss.

BÄM! — Schon in dieser Kürze wird aufgefahren, was Langnasen-Leseratten an chinesischer Literatur zu ergötzen vermag: fernöstlicher Exotismus (Pfirsichgarten!), Rebellion und Drastik, und feinsinnige Dialektik der Ying-Yang-Tradition. Was dann folgt ist ein überbordendes XXL-Prosa-Panorama, beginnend ab ca. 168 n.d.Z. über das Durcheinander und den Zerfall der Han-Dynastie, das anschließende Gerangel der Reiche Wei im Norden, Wu im Süden und Shu Han im Westen um die Vorherrschaft, das erst mit dem Aufstieg der ersten Jin-Dynastie und der Niederwerfung von Wu um 280 endet (Obacht! Nicht verwechseln mit der anderen, der zweiten Jin-Dynastie von 1125–1234).

Ganz wichtig: als kleiner Freizeit-Übersetzer aus dem Englischen weiß ich gar nicht, wohin mit meiner Verehrung für Eva Schestag, die in sechsjähriger Arbeit diese erste vollständige, sehr gut lesbare, muntere und mit vielen hilfreichen Anmerkungen versehene Übersetzungs-Großtat gestemmt hat. Ich kann die auch bei S. Fischer verlegte, von Frau Schestag herausgegebene vierbändige Anthologie »Eine Sammlung Chinesischer Klassiker« (mit je einem Band zu Chinas ältesten Literaturen, Lyrik, Kurzgeschichten, sowie dem Roman »Der Aufstand der Zauberer«, ebenfalls nach Guanzhong) sehr empfehlen.

Die langweilig-kurzsichtigen Sichtweisen der meisten Berichte zu diesem Buch will ich nur kurz spottend erwähnen: ja, freilich eignet sich »Die drei Reiche« vorzüglich, massig über Kultur- und Mentalitäts-Gepräge ›der Chinesen‹ zu erfahren, was ja — wie die im Buch prominent vertretenen Strategeme lehren — voll wichtig ist, um ›den weltpolitischen Konkurrenten‹ zu verstehen. Geschenkt!

Ich wende mich hier lieber an alle, die vom Fernost-Kino begeistert sind (z. B. haben es von den jüngeren Adaptionen »Red Cliff« (2008) von John Woo, »Three Kingdoms – Der Krieg der drei Königreiche« (2008) von Daniel Lee und »The Assassins« (2012) von Linshan Zhao auch bis zu uns geschafft). Von Manga-, Anime- und Videospiel-Umsetzungen (»Dynasty Warriors«!!!) will ich gar nicht erst anfangen, weil das meiste wohl nur speziellen Importhandel-Kunden vertraut ist.

Ich will nicht verhehlen, dass man schon ein wenig seinen Mut zusammenraffen muss, wenn man diesen dicken Brocken angehen will. Auf folgende Hürden sollte man sich einstellen:

  • Insgesamt treten um die 1500 Figuren auf 1750 Seiten auf. Zu den 164 wichtigeren Personen wird einem jedoch am Ende der beiden Bände eine gute, achtseitige Übersicht gereicht.
  • Namen! Nicht verzagen, wenn Anfangs, weil unvertraut, wahnsinnig viele Leuz sehr ähnlich heißen, vor allem wenn, was selten vorkommt, sich Leuz wie Yue Jin und Yu Jin in feindlichen Truppen gegenüberstehen. Man gewöhnt sich schneller, als man vermuten mag.
  • Leider bietet die Karte der S. Fischer-Ausgabe nur die aller-aller-gröbste räumliche Orientierung. Ich empfehle stattdessen beispielsweise diese viel detaillierte (englische) Karte zum Buch.

Man wird entlohnt mit in alle Richtungen wuchernder Erzählkraft, die einzigartig ist, ja in Räusche treiben kann. Hier wechselt sich politisches und militärischen Taktieren und Ränkeschmieden ab mit zünftigen Szenen der Freund- und Feindschafts-Bekundung. Es gibt aberwitzige, aber unseren heutigen Bürokratien verblüffend ähnlich anmutende Abwägungen zwischen Tradition, Pragmatismus und List. Zum Ausgleich wird kompliziertes Ausklamüsern von inneren Seelen- und Gemütsregungen ausgespart: eher in Lagerfeuer-Manier mündlichen Erzählens wird geschildert, was man sieht und was sich tut, das aber teilweise sehr handfest und bisweilen zum Brüllen komisch oder ergreifend. Es wird scheinbar chaotisch mal in übersichtlichen Portionen episodisch, dann wieder Kapitel lang verschiedene Stränge nebeneinander her erzählt. Bot mir eine herzlich willkommene (auch lese-sportliche) Abwechslung zu den meisten zeitgenössischen Dramaturgien, die sich wegen elendigen Befolgens öd-ängstlicher Schreib- und Drehbuch-Rezepte oft gleichen wie ein Ei dem anderen. Siehe oben, bei Herodot.

Wer nun neugierig genug ist, sich zumindest eine Kostprobe zuzutrauen, den verweise ich, ›Großmeister der Ermahnungen‹ (Titel von Liu Tao, S. 38 und mein neuster Wunschberuf) auf Kapitel 23 mit den Geschehnissen um den Privatgelehrten Mi Heng aus Pingyuan, der sich nackig macht um die Regierungsfeinde zu beschimpfen.

JP Sears: »How to Be Ultra Spiritual«

(2017; 272 Seiten; ca. 50% querbeet angelesen als Sounds True-Paperback)Ganz wichtig: Dieses feine Buch hätte seinen Weg nicht zu mir gefunden, ohne die giggelnde Empfehlung meines Seelen-Bruders @DavidRamirer. Mir ein Privileg diesen eremitischen Rundum-Künstler, Grantl- und Kalauer-Virtuosen und 24/7-Sarkast seit meinen Wiener Zeiten persönlich zu kennen. Besucht seine Seiten z. B. bei tumblr, flickr oder instagram, stöbert, entdeckt, freut euch und schenkt ihm dann ein wenig wohlverdiente Zuneigung. Während der dunkelsten Phase meines Burnouts vom letzten November hat David mir im Zuge eines langen Video-Chat-Abends JP Sears empfohlen und ich bin ihm von Herzen dankbar dafür. »Licht & Liebe & JSB, bitch!«

Vielleicht irre ich, aber bedenkt man, dass spirituelle Schriften, inkl. religiöser Werke und Selbsthilfe-Ratgeber, einen ziemlich großen Teil dessen ausmachen, was ich unter Phantastik verstehe, ist es erstaunlich, wie wenig sich (Genre)Phantastik-Freunde, ob nun als Leser, Macher, Laien oder Akademiker, damit beschäftigen. Es gibt doch nicht etwa Berührungs- oder Offenbarungs-Ängste, hmmm? Natürlich ist das allermeiste Mist, aber es gibt eben auch Gemmen.

»How to Be Ultra Spiritual«, Deutsch erschienen als »Reite das Einhorn!« (und ich habe keine Ahnung was die Übersetzung taugt, aber Überfliegen der Leseprobe macht Hoffnung, und mit Wolf Schneider vom connection Verlag hat man wohl einen Kenner gefunden, der energetisch ähnlich schwingt wie der Autor), schafft es m. E. einen extrem toxischen Gordischen Knoten der populär-spirituellen Literaturen zu lösen: wie kann man den ganzen Luftikus-Schmuh zu innere Heilung durch Meditation, Abstand nehmen vom ständigen Urteile fällen, Vegetarirertum, Hallu-Drogen-Erleuchtungen, transzendenten Geistesreisen usw. überhaupt ernst nehmen, wenn dahinter ja wieder nur das neoliberale Dogma-Fließband lauert, sich durch ständige, disziplinierende, harte Selbstknechtung und Selbst-Optimierung noch fitter zu machen fürs Gerangel in der Leistungs- und Konkurrenz-Gesellschaft, und es also am End eh nur darum geht, das eigene Ego-Monster zu füttern um sich besser, überlegener und weiser zu fühlen als die anderen? »Ich bin 12 Meter groß, alles ist wichtig!«, wie schon die heiligen Einstürzenden Neubauten in »Yü-Gung« sangen.

JP Sears versteht es mit der Anmut, mit der wahre Komiker gesegnet sind, sich völlig zum Affen zu machen um die schlimmsten Klischees des spirituellen Bessermenschen bloßzulegen und sau-ulkig vorzuführen. Er verwurstelt dabei Widersprüche zwischen Demut- und Dominanz-Willen solange mit Kalauern und Selbstbezüglichgkeits-Aberwitz, bis es eben (eher früher als später) durch Gackern, oder auf dem Boden kugelndes Gelächter beim Leser zum Dritte Auge öffnenden Quantensprung kommt. Mein Tipp zum Kennenlernen: »Ultra Spiritual Life episode 52: How To Get Offended«.

Chris Bennett: »Liber 420: Cannabis, Magickal Herbs and the Occult«

(2018; 777 Seiten; gelesen als Trine Day-eBook)Persönliches: Eigentlich hab ich’s nicht so mit Drogen und Substanzen, die mir das Bewußtsein durcheinander pusten. Selbst sanfte Varianten rezeptfreier Schmerzmittel machen mich extrem gaga, und die meisten Alkohol-Spielarten (außer Scotch und gewisse, vor allem belgische Biere) schmecken mir nicht und bekommen mir nur in bescheidenen Dosierungen. Aber ich vertrage Cannabis sehr gut (kein Wunder, denn wir Menschen verfügen seit jeher über ein eigenes Cannaboid-System) und finde es entsprechend zerknirschend, wie es eine Koalition aus Papier-, Öl- und Kunststoff-Industrie-Lobbyismus (siehe »Citizen Kane«-Vorbild Randolph Hearst) und Rassismus (siehe Harry J. Anslinger) im 20. Jahrhundert schaffte, diesen Rausch und seine Kultur zu kriminalisieren. Schon als allen Drogen extrem abholder Teen faszinierte mich Hippie-, Alternativ- und Underground-Kultur (kommt wohl davon, wenn man als Kind und Teen zu viel »Yellow Submarine«, Tex Avery-Cartoons und »Schwermetall«-Comics gesehen hat), und vor meinem ersten Joint als Twen hab ich Monate lang recherchiert (z. B. »Das Große Handbuch der Rauschdrogen« und »Von Hanf ist die Rede«). Es nimmt also nicht Wunder, dass ich bis heute gerne Bücher über Soziologie, Politik und Geschichte des Rausches lese.

Chris Bennett veröffentlicht schon seit vielen Jahren historische Recherchen zum Thema und bietet nun mit »Liber 420: Cannabis, Magickal Herbs and the Occult« eine ergiebige Befundsammlung, beginnend vor ca. 5000 Jahren mit der Handhabung heiliger Pflanzen durch Kurgan-Kultur, Skythen und zoroastrisische Magier. Mir sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen, bei Bennetts Spurensuche der Verwendung von Cannabis als rituelles Hilfsmittel der Annäherung ans Göttliche in der jüdischen (einiges spricht dafür, dass Cannabis wesentlicher Bestandteil des heiligen Salböls ›Kaneh Bosm‹ war), früh-christlichen und muslimischen Religion (na klar, die Sufi-Connection und der Heilige al-Chidr, bis hin zu einer Legende, warum Grün die Symbolfarbe des Islams ist). Bennett fächert eine mir wertvoll scheinende Fülle auf, mit ausführlichen Auszügen magischer Bücher des Mittelalters (»Picatrix«, das Skizzenbuch des Villard de Honnecourt), der Renaissance (ausführliches Kapitel allein zu Francois Rabelais und seinen Roman »Gargantua und Pantagruel«) und Barocke (natürlich: Freimauerer und Rosenkreuzer), bis etwa zum Ende des 19. Jahrhunderts (z. B. den Orient-Reisen des Gérard de Nerval). Bennett hat vor, diese Historie mit einem Folgeband über die Zeit vom späten 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart fortzusetzen.

Eine der erstaunlichsten Fundstellen — grad für mich ›Privatgelehrten‹ der Kulturgeschichte der Phantastik — bietet das Kapitel über Leben und Wirken von Phantasmagoria-Erfinder Johann Georg Schröpfer (1730–1774), Freimaurer, Hochstapler und Entertainer. Auf deutschem Boden, in Leipzig, wagte es dieser Pionier als erster, mit einem ›Gesamtkunstwerk‹ aus Laterna Magica-Illusionen, Bühnen-Show und Abfackeln von heiligen Räucherungen sein Publikum zu verzaubern. Warum gibt es keinen knackigen Film oder wenigstens ’nen zünftigen Roman über den Kerl!

Das mag nun mitunter wie wüster Märchen- oder gar Verschwörungstheorie-Garn anmuten, aber Bennett belegt seine Ausführungen, wie es sich gehört, mit ausführlichen und genauen Quellenverweisen zu der historischen Forschungen bzgl. Kultur und Gebrauch entheogener (von gr. en = ›in‹ + theos = ›Gott; göttlich‹ + genesthai = ›bewirken, ins Sein treten‹, also: ›etwas, das bewirkt, vom Göttlichen erfüllt, besessen, inspiriert zu sein‹, siehe ›Enthusiasmus‹) Pflanzen und Substanzen, und bietet auch reichlich Bildbelege für Leuz, denen die Buchstaben grad zu heftig Reggae tanzen. Ganz nebenbei verpasste er allen eine saftige Watschn, die immer noch mit dem wurstigen Argument daherwackeln, Cannabis mute uns vornehmlich Alkohol-versessenen Rauschbrüdern von nördlich der Alpen einen ›kulturfremden‹ Genuss zu und sei deshalb grundsätzlich ›pfui-bä!‹. Das Zeug ist seit den Altvorderen wichtiger, wenn auch eben auch schon früh sprichwörtlich verteufelter Bestandteil des antiken-humanistisch-christlich-jüdischen Erbes des Abendlandes. »Deal with it« … legal! Mit Qualitätskontrolle und damit auch besserem Schutz der Jugend.

David Lynch & Kristine McKenna: »Room to Dream«

(2018; 575 Seiten; gelesen als Canongate-Paperback und gehört als Random House-Audiobook) — Womöglich war ich zu jung, als ich Mitte der 80er durch die TV-Erstausstrahlung von »Der Elefantenmensch« im Rahmen der ORF-»kunst-stücke« zum ersten Mal von David Lynch getollschockt wurde, und kurz darauf bei einem Jugendaustausch in Schottland »Ereaserhead« als VHS-Kassette in die Finger bekam. Während meiner wilden Wiener 90er habe ich »Twin Peaks« umständlich mit zwei Video-Rekordern kopiert, um die Serie mehrmals alleine oder in quasi rituellen Runden am Stück zu glotzen (mit dem Kinofilm ziemlich genau ein 24-Stunden-Tripp). Kurz: Ich halte große Stücke auf das Werk von Lynch (bin jederzeit bereit »Der Wüstenplanet« gegen Vorwürfe zu verteidigen, ›nur‹ ein hübsch-wirres Debakel zu sein) und kann auch dem Menschen Lynch viel abgewinnen, muss aber zugeben, dass mir bei seinem messianischen Treiben in Sachen ›Transzendentale Meditation‹ schnell mulmig wird. Mir ist bewußt, dass Lynch, wie alle fähigen Künstler die es gebacken bekommen haben sich in ihrer Marktnische zu etablieren, hier zu einem Gutteil erstmal ein Werk anbietet, das gedacht ist seinem ›Brand‹ förderlich zu sein.

Man kann dem Buch — außer Stoff für Lynch-Verehrung — einiges entnehmen. Die grundsätzliche Skepsis von Lynch gegenüber dem Vermögen von Sprache, sinnvolle, nachvollziehbare und nützliche Aussagen über so geheimnisvolle Dinge wie »Was soll dies und das ›eigentlich‹ bedeuten?« zu machen, ist zugleich frustrierend und inspirierend. Statt sachlich zu erklären, weicht er immer wieder lieber auf’s Erzählen von prägenden, traurigen, lustigen oder seltsamen Erlebnissen aus (er ist ein Meister im Wahrnehmen oder Hinterher-Ausdenken — das zu entscheiden sei jedem selbst überlassen — von bedeutsamen Zufällen), und bleibt als ›moderner Magier und Mystiker‹ (auch: ›Scharlatan‹) ganz der Tradition treu, dass man über gewisse Dinge eben nicht klar und eindeutig sprechen, sondern sich ihnen nur intuitiv und indirekt mit Stimmung, Atmosphäre, Feeling (eben ›Suggestions- und Beschwörungskunst‹) annähern kann. Es ist berührend, mit welch großer Hingabe und Verehrung Lynch über Freunde zu reden vermag, und sein Schuld-Eingeständnis, seine erste Ehe durch Selbstsucht und Unaufmerksamkeit an die Wand gedonnert zu haben, ist schlichtweg berührend.

Die Form von »Room to Dream« finde ich gelungen. Auf Quellen, Interviews und persönlichen Gesprächen mit Lynch’s Freunden und Kollegen basierend liefert Journalistin Kristine McKenna Sachbuch-Kapitel, die sich mit freiem Memoiren-Geplauder von David Lynch abwechseln. Schwer für mich, zu entscheiden welche Ausgabe ich ehr empfehlen würde. Die Buchausgabe enthält viele schöne Fotografien, sowie umfassendes Werksverzeichnis, Quellenangaben, Anmerkungen und (Hurrah!) einen ausführlichen Index; die amerikanische Hörbuchausgabe bietet mehr Entspannung, und die Erinnerungen von Lynch sind umfangreicher, als bei der gedruckten Version.


Epilogalü: Ihr könnt einen drauf lassen, dass ich bei den anstehenden 2018-Jahresrückblicken zu meinen liebsten TV/Stream- und Kino/Home-Media-Sachen nicht nochmal über drei Wochen lang herumschnitzen werd, um wie hier über dreissigtausend Zeichen auf die Menschheit los zu lassen.

BloggerInnen die keinen Knall haben, hätten die zehn Buchempfehlungen peu a peu einzeln ins Netz gestellt und sich so ’ne stetigere VeröffentlichungsRate gesichert. Aber ich weiß, ich bin nicht alleine mit meiner Freude an langen Internet-texten! Euch anderen ist dieses Monster gewidmet.

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