George R. R. Martin: »Armageddon Rock«, oder: Herzblut mit ›Sex, Drugs & Rock’n Roll … & Fantasy‹

Trotz meiner anfänglichen Abneigung und immer noch ziemlichen Skepsis gegenüber ›Game of Thrones‹ hier als Service und Anteilnehmen am allgemeinen Hype zur Ausstrahlung der finalen, achten Staffel der Grim’n-Gritty-Fantasy-Saga, in leicht überarbeiteter Fassung eine Lobeshymne auf mein Lieblingsbuch von Mæster Martin.

Viel Spaß.


Diesen Roman habe ich zum ersten Mal in den frühen Neunzigern (Heyne-Ausgabe) als Teen gelesen, und er hat mich schon damals schwer beeindruckt. Vorausschicken muss ich folgendes: als 72er-Jahrgang blicke ich von Außen auf die kurze Ära der Hippies, der 68er-Gegenkultur, der Blumenkinder zurück, aber meine Perspektive auf diese Bewegung ist im Zweifelsfall von Sympathie und Respekt geprägt. — Seid also gewarnt: wer die Gegenbewegung der Spät-60er/Früh-70er und ihre (alles andere als eindeutigen Strömungen) für eine liederliche Irrung der Nachkriegsgeschichte hält, und also eher mit einer z.B. Jan Fleischauer-artigen Sicht auf diese Zeit zurückschaut, wird von Ton und Haltung des Romanes wohl ziemlich genervt werden.

Andererseits empfehle ich »Armageddon Rock« allen, die George R. R. Martin vor allem als Schöpfer des Fantasy-Epos über die »World of Ice & Fire« verehren und/oder durch die TV-Verfilmung »Games of Thrones« auf ihn aufmerksam geworden sind, und ihn als Großmeister unerwarteter Handlungsstrangverläufe schätzen, der seine Leser — z.B. mit dem Abbleben von Figuren — zu überraschen versteht. Der zeitgenössische, Weltruhm genießende Martin wirkt im Vergleich zu dem jungen Autor, der »Armageddon Rock« schrieb, fast schon (auf augenzwinkernde Art) abgebrüht, und lehnt sich nicht mehr so weit aus dem Fenster, was seine politische und ideologische Haltung betrifft. Aufgemerkt also, dass der kommerzielle Flop und die Welle negativer Kritiken für »Armageddon Rock« nach Erscheinen des Buches 1983 den Autor dermaßen knickten, dass er sich auf Jahre vom Romanschreiben abwandte, um sich im kommerziellen Betrieb der Film- und TV-Branche zu tummeln (u.a. bei Serien wie »The Beauty & the Beast«).

Was bietet also »Armageddon Rock«?

Strukturell teilt sich der Roman in etwa zwei Hälften. Die Karriere des Ex-Hippies und Polit-Aktivisten Sandy Blair verlief enttäuschend und die feste Beziehung zu einer Immobilienmarklerin bröckelt. Aus dem umtriebigen Musik-Journalisten und Mitgründer eines Underground-Magazins der frühen Siebziger wurde ein erfolgloser Roman-Autor der sich leer und ziellos fühlt. Sein ehemaliger Geldgeber-Kammerad vom Magazin hat ihn schon vor Jahren rausgekegelt, hat das einst engagierte, freche Blatt glattgebügelt und lässt es nun zur Melodie des Kommerzes und der Mode pfeifen. Kurz: Sandy fühlt sich in den frühen Achtzigern der Ronald Reagan-Zeit fehl am Platze, ohne genau zu wissen, warum. Doch er bekommt eine Chance von seinem alten Magazin-Kumpel: Unter mysteriös-grauseligen Ritualmord-Umständen ist der ehemalige Manager der fiktiven, super-duper-erfolgreichen Band Nazgul (stelle ich mir vor wie eine Ideal-Kreuzung aus The Doors, Led Zeppelin, Deep Purple und Hawkwind) ums Leben gekommen, und Sandy soll eine große Reportage über diesen Manager, sowie die noch am Leben befindlichen Mitglieder der Gruppe schreiben. Bald schon beschließt Sandy, dass er um die ganze Geschichte des Unterschiedes zwischen damals und heute richtig fassen zu können, nach langer Zeit auch wieder Kontakt mit seinen ehemaligen Freunden und Freundinnen aus WG- und Studienzeiten knüpfen will. Immerhin geht es um den verlorenen Geist einer untergegangenen Zeit, und was aus ihm geworden ist: Wo sind all die Träume von einer besseren Welt geblieben? (Matthias Beltz hat der deutschen Sprache diesen Weltschmerz des vergeblichen Widerstandes gegen die Hegemonial-Authoritäten folgendes knappe, herzzerreißene Kalauer-Poem vermacht: »Parmesan und Partisan | Wo sind sie geblieben | Partisan und Parmesan | Alles wird zerrieben«.) Also fährt Sandy quer durch die USA und mit dieser ersten Road-Trip-Hälfte breitet Martin ein abwechslungsreiches »Einst und Jetzt«-Panorama aus.

Die Nazgul: Der pragmatische Schlagzeuger Gopher John versucht,  getrieben von einem Gefühl der Fairness, in seinem Provinz-Club jungen Bands Starthilfe zu geben. Der sexy, geile Arschloch-Gitarrist Maggio, ist über seiner Drogen- und Sexsucht fett und unansehnlich geworden. Faxon, der künstlerische Songschreiber-Kopf der Band, lebt vermögend und distanziert im Familienglück und sehnt sich dennoch nach den alten kreativen Zeiten. Und als Erinnerungs-Gespenst nie fern: Hobbins, der kleine, hyper-charismatische Albino, der 1971 von einem Scharfschützen während eines Konzerts ermordete Sänger der Nazgul.

Sandys Freunde: Einsamkeit und dröge Job-Routine haben die lebensfrohe, optimistische Maggie langsam ausgehölt. Die naive Bambi, die sich früher im gewaltbereiten Protestmilieu tummelte, hat ihr Glück in einer friedlich-abgeschiedenen Kommune bei Kindern und selbstgemachtem, vegetarischem Essen gefunden. Lark, einst leidenschaftlicher Polemiker gegen das Establishment singt nun als zynischer Werbefuzzi das Hohelied des Neoliberalismus. Der freche intellektuelle Frauenheld Froggy, versucht als kleiner Uni-Dozent seinen Studenten die Ideale der Vergangenheit zu vermitteln. Und da ist die tragischste Figur des Buches, Slum, der pazifistische, gutmütige Kiffer — eine Art Inkarnation von Tom Bombadil —, Sohn aus wohlhabender, konservativer Familie, wollte vor der Einberufung zu Army nach Kanada fliehen und wurde von seinem herrischen Vater an die Feldjäger verraten und in die Klapse gesteckt.

Die zweite Hälfte hebt damit an, dass ein geheimnisvoller Millionär mit Leidenschaft für Okkultismus den Plan verfolgt, die Nazgul wieder zusammenzubringen, eine große Revival-Tour auf die Beine stellen will, um so mit der Macht der Nazgul-Musik und mit Hilfe von Blutmagie abzuschließen, was einst versandet ist: nämlich die finsteren, erzkonservativen, unterdrückerischen Kräfte der kapitalistischen US-Gesellschaft zu überwinden, auf die sich der Roman anhand des militärisch-industriellen Komplexes, Nixon, des Vietnamkrieges, der unverhältnismäßigen Polizeigewalt gegen Demonstranten, der Attentate auf J. F. und Robert Kennedy sowie Martin Luther King bezieht (eingeflochten ist auch die Klage über den zu frühen Tod von Jim Morrison, Jimmy Hendrix und Janis Joplin). Sandy wird als Promotor angeheuert und begleitet also Proben und Konzerte der wiedervereinigten Nazgul. — (Wie der ermoderte Hobbins ersetzt wurde, will ich nicht verraten. Lest selber, Ihr Süßwassermatrosen!)

Verklammert wird das alles einmal mit einer Art Detektivgeschichte, weil Sandy aufdecken will, wer den Nazgul-Manager wirklich gekillt hat (den offiziellen Ermittlungen traut er so weit, wie er ein Klavier werfen kann). Zum zweiten steigert Martin mit großem Geschick die Heftigkeit der ›magischen Verwerfungen‹, die Hauptfigur Sandy drastisch anhand von Alpträumen und Visionen erlebt. Das ergibt dann umwerfend intensiv wirkende Passagen, z.B. wenn Sandy sich schlaflos im Chicago der Achtziger in einer großen Gespenster-Parade der Anti-Kriegs-Demonstranten und harsch durchgreifenden Sicherheitskräfte beim Parteitag der Demokraten 1968 wiederfindet.

Überhaupt Sprache und Stil: Eigentlich logo, dass ein Roman, der teils naiv, teils wehmütig, teils bitter, teils versöhnlich aber stets leidenschaftlich, subjektiv und emotionell danach trachtet, den Geist der »Make Love Not War!«– und »Macht Kaputt Was Euch Kaputt Macht!«-Zeit zu beschwören, in die Vollen greift. Da wird — auch Dank Sandys Schnodderschnauze — kurzweilig kalauert, gesudert, gewitzelt, gestichelt, debattiert. Auch sorgen knackige Beschreibungen von Saufen, Kiffen, Vögeln, Kater-Qualen, Musik-Lauschen und übermütigen Blödsinnsaktionen für Kurzweil. Alle Register der Stimmungsorgel zieht Martin insbesondere bei den schon orgiastischen Konzert-Beschreibung vor allem im letzten Drittel des Romans (Beispiele aus Kap. 20):

Faxons Gesicht war weiß und ausdruckslos geworden, aber seine Finger bewegten sich mit der sicheren Bestimmtheit von einst über die Saiten seines Rickenbacker, und tiefe dröhnende Töne verschmolzen mit dem Strom der Musik, Töne so tief wie das Räuspern Gottes, so bedrohlich wie das erste Grollen eines Erdbebens, so wahr und so schrecklich wie ein Atompilz. {…} Maggio tanzte wild über die Bühne wie jemand, dem man einen elektrischen Schlag versetzt hatte, aber er grinste in einem fort und fletschte höhnisch die Zähne, und seine Gitarre spuckte beißendes, tosendes Feuer. Wie rasend riss er an den Seiten, und die Akkorde flogen wie Rasiermesser. Hobbins wandte sich zu ihm um, funkelte ihn an und kratzte über sein eigenes Instrument. Klänge und Melodiefetzen schossen hin und her, während sie gemeinsam improvisierten. Die Leute standen auf den Stühlen, klatschten über den Köpfen in die Hände, krümmten sich zur Musik, schüttelten sich, fickten die Luft mit den Fäusten.

Ganz selten stieß ich auf Stellen, die ich unelegant fand (z.B. die 1-A Brüste einer Aktivistin, ihre sexy Brustwarzen, die sich stets durch den Stoff abzeichnen! Dafür ist Stoff ja da! … Und Nippel!!). — Außerdem wurde ich durch die Zweitlektüre daran erinnert, was für ein bombiger Geschichtenerzähler Martin ist. Er schreibt zwar im Großen und Ganzen gefällig, also führt keine hoch-›lüterarischen‹ Kunststückchen auf, vielmehr versteht er es z.B. geschickt, das Tempo abzuwechseln, mal zu raffen, mal zu weiten, oder mit ›Leitmotiven‹ zu arbeiten, was den Text zuweilen sehr überzeugend wie einen dieser überlangen, komplexen Prog-Rock-Songs wirken lässt. Ach, und wie es sich für einen apokalyptischen, von düsterer Hippie-Romantik geschwängerten Roman gehört, wird »The Second Coming« von William Butler Yeats ausführlich als Songtext eines Nazgul-Stückes zitiert.

Martin meidet trotz aller merklich spürbaren persönlichen Leidenschaft für ›seine‹ 68er-Gegen- und Musikkultur einseitige Polemik oder platte Parteilichkeit (einige Stellen wirken vielleicht wie blauäugige Verklärung, vor allem was die Musik tatsächlicher Gruppen von damals angeht; aber das wird durch entsprechend wehmütige Schilderungen, wie Kurzsichtig man doch damals war aufgewogen). — Martin gibt sich als nostalgisch-skeptischer Gegner von Fanatismen, Bevormundung und Beengung jeglicher Coleur zu erkennen und der Roman schließt also mit dem beherzigenswerten Fazit, dass Menschen und persönliche Beziehungen glücklicher machen und die Welt wohl besser aussähe, wenn man diese pflegte, statt sich mit kämpferischem Zorn für Ideologien einzusetzen.

Ein wunderbarer Roman, von mir bei Goodreads mit 5 von 5 Sternchen und dem Ettikett »All Time Favorite« bedacht, der glänzend verdeutlicht, dass man den Alternativkultur-Slogan »Sex Drugs & Rock’n Roll« getrost um den vierten Punkt »UND Phantastik« ergänzen kann.

Bonus:

George R.R. Martin: »Armageddon Rock« (EV: 1983); Aus dem Amerikanischen von Peter Robert; 28 Kapitel auf 391 Seiten; Überarbeitete broschierte Neuausgabe bei Golkonda 2014. Auch als eBook erhältlich.
Für ganz innige, bibliophile Martin-Liebhaber gibt es direkt beim Verlag eine auf 111 Exemplare limitierte und signierte Vorzugsausgabe.

Burnout-Link-Tipps — #5

Fünfte und letzte Lieferung der (fast) täglichen kulturellen Link-Bonbons, die mir Freude machen und Kraft spenden und die ich seit meinem Burnout-Zwischenfall mit ›meinen Leuten‹ in einer kleinen Privatmitteilungs-Gruppe bei Twitter teile.

Ab Montag den 17. Dez. bin ich wieder uff der Arbeit und werde nicht mehr so viel Zeit und Musenkraft haben Link-Tipps zu zu teilen, bzw. hier in so langen Sammelbeiträgen aufzubereiten.

Aber ich strebe an, die kurzen Link-, Kultur- und Gott-und-die-Welt-Tipps, die ich bisher hier rausgeballert habe als einzelne Häppchen für ›molochronik reloaded‹ anzubieten.


Freitag, 07. Dez.: Einigen von euch ist ja bekannt, dass ich die Filme von Denis Villeneuve sehr verehre. Bin bei ‘nem Netzstreifzug zufällig in »Prisoners« (2013) reingestolpert und fand den vom Fleck weg gigantisch (war nebenbei auch mein erster Kontakt mit der wundervollen Musik des leider viel zu früh verstorbenen ›Drone Music‹-Meisters Johann Johannsson). Ich war angetan, wie hier mit ruhiger Hand enorm fett Atmosphäre aufgeladen wird, sachte, dem Publikum zutrauend, Geduld und Lust am Beobachten zu haben (statt sich ›nur‹ berieseln zu lassen von Spektakel-Wuchtigkeiten). Hab dann »Die Frau die singt – Incendies« (2010, nach einem Theaterstück von Wajdi Mouawad; bis heut mein Lieblingsfilm von Villeneuve) nachgeholt, dann »Enemy« (2013 für mich sein schwächster Flick, aber dennoch ein köstliches Bon-Bon für Freunde der verstörend-rätselhaften ›Magischer Realismus‹-Phantastik), »Polytechnique« (2009, Tipp: liegt als Bonus-DVD der Sonderedition von »Enemy« bei) und schließlich »Sicario« (2013, mein erster Villeneuve im Kino).

Ich war sehr nervös, wie Villeneuve wohl »The Story of Your Life« von Ted Chiang (als Übersetzter kenne und schätze ich Geschichte nur zu gut) adaptieren würde: »Arrival« (2016, bin zufrieden damit, wie der knifflige Erzählknoten gelöst wurde) fügt sich neben den Arbeiten von z.B. Alex Garland (»Ex Machina« & »Annihilation«) oder Brit Marling (»Another Earth«, »The East« & der Netflix-Serie »The OA«) zu einem kleinen aber feinen Kanon zeitgenössischer, bewundernswert engagierter, poetischer Science Fiction-Film-Gemmen. Letztens habe ich einem Hausbesuch »Blade Runner 2049« (2017) vorgeführt — für mich einer der seltenen Fälle, wo ‘ne Fortsetzung um Klassen besser ist als das Original. Ich hab ihn zum sechsten, der Gast zum ersten mal gesehen und ich war baff, wieviel ich immer noch aus diesem Film schöpfen kann.

An die älteren franko-kanadischen Sachen von Villeneuve kommt man hier in Europa leider nicht rann, obwohl einige davon bei uns sogar im öffentlichen-rechtlichen Fernsehen versendet wurden. Als nächstes stehen ja zwei Teile »Dune«-Verfilmung nach dem SF-Klassiker von Frank Herbert an. — Hier als Kostprobe des Könnens von Denis Villeneuve »Next Floor«, ein Musterbeispiel, wie man wirklich ›spooky shit‹ in eine aufrüttelnd komische Grotesque verwandeln kann:


Samstag, 08. Dez.: Heutiger Tipp ist wieder ernster (bietet imho dennoch einige Gelegenheiten zum Schmunzeln). Als ich noch mehr Eierschalenreste hinter den Ohren hatte, war ich für so Leuz wie Rüdiger ›ich mach schon mal den Wein auf‹ Safranski, Peter ›die männliche Antje der Befund-Philosophie‹ Sloterdjik oder (um den geht’s) Norbert Bolz noch geduldiger und empfänglicher … oder sind diese Herren im Lauf des neuen Jahrtausends einfach rapide dööferer, ängstlicher, eitler kurz: unvernünftiger geworden? Damals hab ich noch Magazine wie »Cicero« gelesen ohne sofort zu meinem Revolver zu greifen und zitierte sogar Texte von Norbert Bolz ausführlicher in meinem Blog: »Lesende Weltwanderer« (gutes Beispiel, warum ich ein unentspanntes Verhältnis zu meiner Schreibe hab).

Mittlerweile scheint Bolz die Welt des zivilen Sprechens und unaufgeregten Denkens weitestgehend abhanden gekommen zu sein und er hat sich merklich radikalisiert. Aus einem, der mal liberal-konservativ originell war, wurde jemand, der eifrig ein Spektrum irgendwo zwischen elitär-populistisch bis krypto-völkisch bedient. Wie sich wo ein Wandel vollzieht, haben Autor Wolfgang Ulrich (auf Twitter: ) und Kunsttheoretiker Jörg Schaller (auf Twitter: ) in einem langen, und wie ich finde, sehr fein geschriebenen und dargelegten Analyse-Gespräch zu Bolz’ twitter-Texten bei »Pop-Zeitschrift Kultur & Kritik« unter dem zum Niederknien schönen Titel »Im Stahlgezwitscher« besprochen.


Sonntag, 09. Dez.: Ich absolviere ja (Dank der Mediathek der Stadtbücherei Frankfurt) dieser Tage eine Erst- bzw. Wiedersichtung von »Games of Thrones« (is’n Thema für sich) und jedesmal, wenn bei den fast durchwegs hörenswerten Audio-Kommentaren die Mitwirkenden (verständlicherweise) über den Vorspann als »beste Main Title-Sequenz ever abjubeln, denk ich mir: »Jo, schon doll, vor allem, weil der für Zweitwelt-Fantasy so wichtige geographische Orientierungs-Service geleistet wird, aber nicht so hübsch, wie z.B. einer der schönsten Vorspanne (Vorspänner? Vorspanni?) der letzten Jahre: dem zur Piraten-Äktschn-Soap ›Black Sails‹«.

Die Serie selbst find ich nicht so knorke und hab entsprechend anfangs nur zwei, drei Folgen weit reingeguckt. Aber das als Elfenbeinskulptur gestaltete Seeräuber-Panorama im Verbund mit der fetzigen Metal-Folk-Mukke von Bear McCreary löst bei mir stets Gänsehaut aus. Der Serie geb ich vielleicht noch mal ‘ne Chance, wenn sie bei einem der Streaming-Anbieter, bei denen ich Kunde bin, für umme angeboten wird.

Hier nun ein feiner Artikel bei »The Art of the Title«, wo die vielen Einflüsse besprochen werden. Ich hab mir beim Gucken der ersten »Black Sails«-Folge ja sofort gedacht: »Das ist voll vom Neo-Barock-Meister Kris Kuksi geklaut!«, einem komplett Irren bildnerischen Collage-Künstler, den ich vor Jahren über das Blog »This Is Colossal« entdeckt habe. — Für die Star Wars-Freunde unter euch, hier ein Beispiel für Kuksi’s Humor: »Imperial Rights Fighter«.


Montag, 10. Dez.: Heutiger Tipp des Tages hat mich dazu verleitet, spaßeshalber mal zu vergleichen, wie es in den verschiedenen europäischen Wikis um den Film »Der König und der Vogel« (1979) von Jacques Prévert und Paul Grimault bestellt ist.

Trostpflaster: es gibt den Film in seiner restaurierten Fassung billig auf DVD oder bei Amazon Prime für umme. Wer »Der König und der Vogel« nicht kennt, sei herzlich dazu ermuntert, ihn nachzuholen. Ich habe den einmal Anfang der 80er als Kiddi im Dorfkino gesehen, so richtig mit Dia-Leinwand und Projektor-Geratter, zusammen mit vielleicht zehn anderen Rotznasen unter Aufsicht meiner größeren Schwester.

Erst letztes Jahr hatte ich via Amazon Prime die Gelegenheit ihn wieder mal zu gucken, und heut Abend ist er wieder dran. Unmöglich zu übertreiben, wie prägend diese Zeichentrickgemme für mich war: hat zusammen mit »Der Dunkle Kristall« (den ich damals 2-3 Jahre später sah) wesentlich dazu beigetragen, dass ich mit Mainstream-Fantasy nie wirklich warm geworden bin und stattdessen ehr die krummeren Pfade der sogenannten ›weird fiction‹-Phantastik eingeschlagen habe, für die Surrealismus, Symbolismus bis hin zu Dada einflussreicher sind, als klassische Mythen, Sagen und Heldengeschichten.

Meine Helden von Arte haben ein feines kleines Filmchen gestaltet: »5 Gründe um ›Der König und der Vogel‹ wieder zu sehen«.

Als herausragendes Exempel von dem, was ich gern ›die andere Fantasy‹ nenne, reicht der Einfluss von »Le Roi et l’Oiseau« weit in die heutige phantastische Populärkultur. An den Video-Spiel-Klassiker »Ico« hab ich auch gedacht, aber vor lauter Husch-Husch vergessen zu erwähnen. Ich Danke Rainer Sigl vom ›VideoGameTourism‹-Blog für seinen Hinweis auf den feinen Artikel »Ahnenforschung im Traumschloss« von Christof Zurschmitten. — Lass Dich umarmen, Kamerad!


Mittwoch, 12. Dez.: Ich arbeite heute an meinen Jahresbückblick-Kurzbesprechungen von Games für . Da kann jeder auch Bronze-, Silber- und Gold-Pokale vergeben und ich nutze die Gelegenheit, euch meinen Gold-Titel hier sozusagen vorab gesondert zur inniglichen Beherzigung anzuempfehlen.

Über fünf Jahre hinweg, fast im Alleingang, hat Illustrator (der sich das Game-Programmieren selbst beibrachte) Jason ›Jake‹ Roberts () an gefrickelt und herausgekommen ist ein im Grunde sehr simples und zugleich filigranes, poetisches Spiel. — Beim Versuch die quecksilbrige Natur der Wirkung von ästhetischen Reizen auf das Gemüt zu fassen neige ich bisweilen zum intermedialen Vergleich und bemühe deshalb gern mal z.B. musikalische Begriffe für Bücher, literarische für Filme, dramaturgische für Musik u.s.w.. Auf dem schier unüberschaubaren Feld der Video-Spiele gehört der Bereich der ›Game-Lyrik‹ womöglich zu den kleinsten, aber »Gorogoa« ist ein leuchtendes Beispiel für das großartige Potential dieses zarten Genres. Alles wird mit wunderschönen handgezeichneten Illustrationen ›erzählt‹, weitestgehend (auf den ersten Blick) realistisch. Die Weise, wie man hier von einem Bild ins nächste seinen Weg durch Erinnerungen finden muss, und die Art wie verschiedene Motive durch Schieben, Vergrößern und Verkleinern, Hinaus- und Hinein-Zoomen gegenübergestellt werden und sich dabei Sinn-Harmonien und Bedeutungs-Kontraste ergeben, oder wie sich plötzlich Zusammenhänge drastisch ändern können, haben mich zutiefst beeindruckt und berührt. — Leider hat das Gerät, auf dem ich »Gorogoa« gekauft habe (mein iPad mini) einen bösen Bildschirmschaden und ich kann das Spiel nicht mehr komplett sehen. Zu gerne würde ich »Gorogoa« noch ein paar mal ganz genau Notizen führend durchwandern, um haarscharf aufzupassen, was da eigentlich erzählt wird. So kann ich nur aus der Erinnerung zusammenfassen, dass es eine gänzlich überraschende Mischung aus Bildergeschichte, bewegtem Comic und Puzzle-Spiel ist, der ich ohne mit der Wimper zu zucken Gold als mein liebstes Spiel des Jahres 2018 gebe.

 

Burnout-Link-Tipps — #4

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Freitag, 30. Nov.: Heutiger Tipp ist mal was ganz anderes: ein Lebensmittel! — Schon vor einiger Zeit habe ich begonnen, alles an Milch-Alternativen zu verköstigen, dessen ich habhaft werden kann. Warum? Rindermilch ist (für mich) doof, weil  …

  1. image… evolutionsbiologisch (leichte Laktose-Intoleranz);
  2. … entsprechende Verdauungs-Unannehmlichkeit, die im Verbund mit einem klassischen göttlichen Leiden meinerseits bisweilen ‘ne buchstäblich beschissen-blutige Kombi ergibt;
  3. … uns Werbegedöns eingeredet hat, die Milch von der Kuh wär der Heilige Gral und ich insgesamt weg will von diesem ganzen agrar-industriellem-bio-chemisch-pharmazeutischen Vergiftung. Ich würd die ja gern gleich in die Luft sprengen, aber ich versuch’s erstmal auf die individuell-pazifischtisch-konsumistische Weise.

Hab echt alles durchprobiert, was man sich denken kann: Soya-, Mandel-, Spinnen-, aus alten Schuhsohlen recycelte Milch, imaginäre Milch … nix davon hat mir geschmeckt, oder ist leicht erwerblich, oder existiert. Die evolutionsbiologisch angeblich beste (weil der Menschenmuttermilch ähnlichste) Milch soll ja Pferdemilch sein. Aber an Pferdemilch komme ich so leicht nicht rann, erst recht nicht bei meinem kleinen REWE um die Ecke, und ich habe weder Geld noch Platz mir genug Pferde in der Bude zu halten, um selbst zu melken.

Nun hab ich aber Hafermilch von Oatly entdeckt und kann endlich wieder nicht-trockenes Müsli zum Frühstück futtern. Ich hab mit der Calcium-Variante angefangen und die schmeckt mir schon so, wie sie ist, sehr gut. Ein wenig nach Hafer (no-na!), aber für mich Zuckermäulchen süß genug, dass ich das Müsli in keinster Weise mehr mit Honig nachsüßen muss. Möglicherweise hat mich aber auch schlicht der Bann eines Kultes erwischt … wer kann sich schon sicher sein in den heutigen Zeiten (wo ist mein Alu-Mützchen).


Samstag, 01. Dez.: Für den heutigen Tipp des Tages gönne ich mir — ich, der große Nostalgie-Skeptiker — eine fette Portion Kindheits-/Jugenderinnerung. Es ist nämlich so, dass ich buchstäblich seit Jahren immer wieder mal vergeblich nach der Titelmusik einer englischen Serie aus den ¿70ern/80ern? suche. Heute wurde ich endlich fündig!

Bei uns lief die 13-teilige Serie »Brendon Chase« (1980) — nach dem gleichnamigen Jugendbuchklassiker von Denys Watkins-Pitchford aus dem Jahre 1944 — unter dem Titel »Im Schatten der Eule«. Die Musik stammt von Paul Lewis, und Flötenlegende James Galway tüdelt meisterhaft. Die Serie ist eine der vielen Wurzeln für meine Anglophilie. Im Gegensatz zu ›Ami-Scharrn‹ durfte ich die gucken.

Bei uns gibt’s die TV-Serie nur in deutscher Fassung bei Amazon Prime oder auf DVD. Es gibt aber einen youtube-Kanal mit allen 13 Folgen auf Englisch in mittelprächtiger Bildqualität. Die Serie hat mir damals sehr gut gefallen, obwohl ich nicht alle Folgen gesehen habe.


Sonntag, 02. Dez.: Gestern hab ich mich ja extrem viel im offenen Twitter herumgetrieben (war mutig, weil ich Musik für meine GutMukke-Playlist zusammengestellt habe, und meine wiedergefundene Hingabe für Musik — die mir über die letzten Jahre vollkommen verloren gegangen ist — wirkt ausgesprochen vitalisierend), und hab z.B. begeistert über die neue »Mord im Orientexpress«-Verfilmung (2017) und den Audiokommentar dazu von Regisseur/Darsteller Kenneth Brannagh abgejubelt. Gehört zu den wenigen Filmen, die ich glücklicherweise in OV im Kino sehen konnte, was sich wegen der hinreissenden Inszenierung gelohnt hat. Ich weiß, über Brannagh wird sich gern mal lustig gemacht oder man winkt ab, weil er bisweilen extrem eitel und egomanisch daherkommt, aber wer wie ich damals™ von seinem »Henry V« (1989) komplett überrumpelt wurde, oder sich mit »Peter’s Friends« (1992) vorführen ließ, wie Dramödie geht, oder einen seiner anderen guten Streifen mochte (zum Lachen: »Much Ado About Nothing« (1993); wer das Sitzfleisch hat: »Hamlet« (1996) ungekürzt und episch; ich würd gern mal wieder »In the Bleak Midwinter« (1995) sehen, aber der ist leider völlig untergegangen), oder wer ‘ne Schwäche für die Krimis von Agatha Christie hat, wird höchstwahrscheinlich seine Freude mit dem neuen »Orient Express« haben. Hier eine Vorgeschmacks-Dreiheit:

  1. eine lange Version des Film-Trailers;
  2. eine lobende Besprechung von BBC-Filmkritiker (für mich vielleicht der beste Filmkritker, wo’s gibt derzeit) Mark Kermode:
  3. und ein nettes Gespräch von Kermode mit Brannagh:

Unbedingt erwähnen muss ich auch, dass Brannagh als Regisseur/Darsteller zusammen mit Adapteur/Drehbuchautor Michael Green einen exzellenter Audiokommentar auf der DVD des Films bieten, der mich dazu anregte, mich endlich mal mehr mit Agatha Christie zu beschäftigen.


Montag, 03., Dez.: Sorry, wenn mir mir nun keine klugen einleitenden Worte mehr einfallen mögen, aber ich hatte heut einen etwas wilden Tag. — Irgendwann um 4 Uhr früh ist in meiner Straße der Strom ausgefallen wegen zwei Leitungsbrüchen. Auslöser war eine Anschlussmuffe in meinem Keller, die durch Dauer-Gedröppel ‘nen Kurzen verursachte, und ein paar Häuser weiter ist deshalb dann auch eine schlampige Anschlußverlötung durchgebrannt. Ab 8 Uhr waren dann insgesamt 3 Transporter der @Mainova mit zeitweise (ich glaub) 12 Leuten am Start, die Sache zu beheben, inkl. Kleinbagger, Gehweg 2 x aufbuddeln und Einspeisleitungsneuverlegung (Deutsch ist geil). Hat ›nur‹ bis 17 Uhr gedauert, trotz Kälte & Nieselregen. — Ich selbst verbrachte die Zeit damit, sämtliche Lebensmittel aus dem Kühl- & Eisschrank wegzufuttern (Gottseidank war ich Samstags zu faul, noch groß Vorräte aufzustocken, weil ich ja noch genug im Haus hatte) und, (weil meine Bude auch tagsüber berüchtigt dunkel ist) bei Kerzenschein Avatar-Comic zu lesen und mich bereit zu halten, den Infrakstruktur-Helden nötigenfalls die Haustür aufzumachen, falls sie doch von Kellerseite aus bosseln müssen.

Ach ja, der Tipp! Das neue Video von @Natalie Wynn. Wer sie nicht kennt, einfach mal ihrem Kanal durchstöbern. Ist alles klug, herrlich zotig, gut argumentiert, hinreissend gespielt & inszeniert und zum Teil auf genau die Art verstörend, die ich mag. Viel Spaß mit der Apokalypse, ihr Umweltfreunde:


Mittwoch, 05. Dez.: Heutiger Tipp des Tages: meine Neugierde für und deren ambitioniertes Vorhaben hat mich dazu gebracht, mich wieder den Beständen zu Medien- & Kommunikations-Theorie meiner (rumprotz!) Privatbibliothek zuzuwenden. Dabei habe ich zu meiner Freude entdeckt, dass ein Buch, das mich sehr geprägt hat, mittlerweile komplett online vorliegt. — Ich hatte 1998 das große Glück auf die Ars Electronica mitgenommen zu werden. Damaliges Thema: »Infowars« und entsprechend passend lautet der Titel von Band 2 (die Aufsatz-Sammlung) des Katalogs: »Information. Macht. Krieg.«.

Der für mein Dafürhalten beste Text stammt von Douglas Rushkoff, vielleicht manchem hierzuland noch bekannt als Teil der frühen Cyberpunk-Szene. Ich fand damals seinen Roman »Ecstasy Club« über die Rave-Szene der mittleren/späten 90er ziemlich interessant … grad weil ich mit diesem Milieu so gar nix am Hut hab. — Hier zum gehts kompletten Text von »Zwangsausübung und Gegenmaßnahmen«:

Zusammenfassung zu Beginn des Textes geht so:

Der Informationsrüstungswettlauf
Bei jedem Informationskrieg verlieren wir Menschen automatisch. Denn sobald Kommunikation zu Information wird, lebt sie nicht mehr. Wenn wir, als lebendige Wesen, eine Rolle im InfoWar annehmen, verlieren wir auch den Heimvorteil – die Verteidigungsfähigkeit, über die jede eingesessene Bevölkerung verfügt.
Wenn wir uns zu dem Glauben verleiten lassen, der Kampf um die Information sei in Wahrheit ein Kampf um die Realität, haben wir den Krieg bereits verloren.

Und diese zwei Kostproben taugen mir enorm:

So wie Liebemachen die Möglichkeit zu neuen genetischen Kombinationen eröffnet, leitet Kommunikation einen Prozeß der kulturellen Mutation ein. Wenn Gleiche miteinander kommunizieren, bleibt nichts, wie es ist. Echte Teilnahme heißt, daß man über alles reden kann.

Kostprobe 2:

Als immer mehr Menschen ihre Fernseher abdrehten und online gingen, stand die Frage für Beeinflussungsprofis fest: Wie können wir diesen Kommunikationsalptraum in ein herkömmliches, totes, kontrollierbares Massenmedium umwandeln? Der große Trick bestand darin, Kommunikation durch Information zu ersetzen.

Für mich erstaunlich und auch etwas gruselig: Die gleichen Probleme werden heute noch — 20 Jahre später — immer noch mit einer Behäbigkeit durchgekaut, als seien sie uns grad erst vor die Füße gefallen.

54 Fragen über Bücher und Literaturgeblogge

Ich bin mal voll die Sau und klaue einen Fragebogen, den die Heldinnen und Recken von »54books« (von denen ich einigen auf Twitter folge) für »mojoreads« beantwortet haben. Hab heut schon früh begonnen weiter meine Bude aufzuräumen, dann lang zu einer Wahnsinns-Compilation angezappelt und musste danach auch meinen Geist entrümpeln.


1. Was verbindet oder unterscheidet deine Rezensionen auf ›molochronik‹ & ›molochronik reloaded‹ von denen in klassischen Feuilletons?
— Ich muss mich nicht nach einer gewünschten Längenvorgabe ausrichten, kann machen, was ich will, schreiben wie ich will (oder wie es mir eben gelingt).

2. Wie entscheidest du, welche Titel du besprichst?
— Interesse, Laune, und ob ich mir den Titel leisten kann.

3. Schreibst du auch Verrisse oder schweigst du Bücher, die du nicht magst tot?
— Schreib auch Verrisse, achte aber darauf, dass ein Verriss Relevanz in sich birgt und nicht einfach nur Mießmach-Fun liefert.

4. Bekommst du ungefragt Bücher zugeschickt, wenn ja, in welchem Ausmaß?
— Höchstens als Überraschungs-Geschenk von lieben Menschen. Von Verlagen oder Agenturen unverlangt eingeschickte Bücher würde ich prinzipiell nicht besprechen.

5. Wer ist die Person, wer sind die Personen, deren Bücherempfehlungen du ohne Nachdenken annimmst?
— Ohne Nachdenken geht bei mir so wie gut gar nix. Aber es gibt eine Reihe von Leuz, deren Urteil ich vertraue.

6. Was ist dein liebstes Buch aller Zeiten?
— Möglicherweise der »The Scar« von China Miéville.

7. Was ist bislang dein Lieblingsbuch 2018?
{Guckt in seiner Goodreads-Jahresübersicht nach}: Womöglich »Kanaillien-Kapitalismus — Eine literarische Reise durch die Geschichte der freien Marktwirtschaft« von César Rendueles. Eine Buch gewordene Granate. Extrem gut lesbar und sehr fein holistisch gedacht und gefühlt. Bestätigt eine langfristige Grundannahme von mir, das wir nicht artgerecht gehalten werden vom Kack-Kapitalismus.

8. Was wäre dein Buchtipp für Ausgebrannte?
— Die vier klassischen Witzebild-Bände von F. K. Waechter bei Diogenes: »Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein« (1978); »Es lebe die Freihei«* (1981); »Männer auf verlorenem Posten« (1983); »Glückliche Stunde« (1986). Haben noch nie verfehlt, mich zu trösten und zum Schmunzeln zu bringen, wenn ich sehr niedergeschlagen bin.
* das fehlende ›t‹ ist kein Tippfehler.

9. Was war dein Lieblingsbuch als Kind?
— War als Kind zu unruhig um Bücher wirklich zu lesen, habe aber sehr gern im 24-bändigen großen Bertelsmann-Lexikon geblättert (12 Bände alphabethische Enzyklopädie, 12 Themen-Bände a la »Länder, Völker, Kontinente«, »Geschichte«, »Literatur«, »Technik«, »Naturwissenschaft«, »Flora und Fauna«) … vor allem wegen der Bilder, Risszeichnungen usw.

10. Dein Lieblingsbuch als Teen?
»Der Name der Rose« von Umberto Eco. Bis heut eins meiner Allzeit-Lieblingsbücher, und sicherlich der Roman, den ich am öftesten gelesen/gehört habe.

11. Was ist ein Kult-Buch, das dich kalt lässt?
— Da gibt’s einige, z.B. »On the Road« von Jack Kerouak, oder »Der kleine Prinz« von Antoine de Saint-Exupéry.

12. Wie viele Bücher besitzt du?
— Ca. 57,4 Meter.

13. Welches ist das am schönsten gestaltete Buch, das du besitzt?
»Codex Seraphinianus« von Luigi Serafini.

14. Was ist ein Klassiker?
— Kommt darauf an, von welchen oder wessen Klassikern wir sprechen, denn es gibt Klassiker der etablierten Deutungshoheits-Priester, Klassiker der Gegenkultur, vergessene Klassiker und und und (siehe auch Frage 17). Hochtrabend angesetzt: ein Klassiker ist im besten Falle ein Werk, dass sich über seine unmittelbare Zeitgenossenschaft und Zweckgebundenheit hinaus ein gerüttelt Maß an Relevanz bewahrt hat, sei es als Zeugnis der Vorstellungskraft, der Auffassungs- und Beobachtungsgabe, der sprachlichen oder künstlerischen Artistik, des gesellschaftlichen Engagements usw.

15. Wann hast du dein erstes E-Book gelesen?
— Ich glaub, mein erstes eBook war »L. A. Noir: The Collected Stoies« mit Geschichten von Megan Abbott, Lawrence Block, Joe R. Lansdale, Joyce Carol Oates, Francine Prose, Jonathan Santlofer, Duane Swierczynski und Andrew Vachss, herausgegeben von Jonathan Santlofer und mit einer Einleitung von Charles Ardai aus dem Jahr 2011 — da hab ich das wohl auch gelesen. Wahrscheinlich das Progressivste, was der Videospiele-Entwickler Rockstar je unter die Leuz gebracht hat.

16. Was war dein prägender Verlag?
— Ohne Zweifel der Haffmans Verlag in seiner ursprünglichen Form, mit seinem ›Magazin für jede Art von Literatur‹: »Der Rabe«.

17. Glaubst du an den Kanon?
— Wiederum (siehe Frage 17) erlaube ich mir die Gegenfrage: »Wessen Kanon?«. Freilich ›glaube‹ ich daran, dass es einen Bestand bedeutender, bemerkenswerter und relevanter Werke gibt, die man gelesen haben ›sollte‹, um ein besserer Leser, Schriftsteller oder einfach nur Mensch zu werden. Aber es ist sicherlich Blödsinn, unumstößlich und für alle Zeiten fix bestimmen zu wollen, aus welchen Werken dieser Zirkel sich genau zusammensetzen sollte, denn es ist auch Rücksicht zu nehmen auf die jeweils individuelle Lektüre-Wanderung eines Lesers, und welche Bücher wann für jemanden die förderlichste Seelen-, Verstandes- und Horizont-Erweiterung zu bewirken vermögen.

18. Was ist dein Lesegetränk?
— Was grad da ist um mich sitt zu machen.

19. In welcher Haltung liest du?
— Wach. Meistens sitzend, nicht ganz so oft liegend. Ab und zu auch gehend (vor allem, aber nicht nur, bei Hörbüchern).

20. Auf welchem Gerät liest du E-Books? Mit welcher App?
— iPad, überwiegend Kindle.

21. Lösen Lesebändchen Gefühle in dir aus?
— Anerkennungswertschätzung wegen der Nützlichkeit. Verzückungen überkommen mich erst bei Büchern, die zwei Lesebändchen haben (eins für den Haupttext, eins für den Anhang-Apparat).

22. Nutzt du Bibliotheken, wenn ja, welche?
— Die Bibliotheken meiner Stadt, also seit vielen Jahren der von Frankfurt am Main. Zentrale Stadtbücherei, Unibibliothek und wenn ich sonst an was nicht rannkomme Deutsche Nationalbibliothek. Nicht zu vergessen die Bestände digitaler Bibliotheken. Beispiel gefällig?

23. Was war deine gelungenste Rezension?
— Ich hab ein unentspanntes Verhältnis zu meinen eigenen Texten, bin aber durchaus Stolz auf mein zweiteiliges Portrait »Die wilden Welten von Matt Ruff« (Werksübersicht und Interview), sowie weiterer längerer Rezensionen, die ich für »Magira – Jahrbuch zur Fantasy« von 2003 bis 2010 geschrieben habe.

24. Hattest du schon mal einen Shitstorm, wenn ja, wofür?
— Nicht, dass ich mich erinnern kann.

26. Womit verdienst du dein Geld?
— Als Sicherheitsdienstleistung-Depp der Besucherkärtchen schreibt und Schranken-Knöpfchen drückt. Derzeit in Burnout-Auszeit.

27. Beschreibe das sich wandelnde Image von Literaturblogger*innen
— Die Frage überfordert mich. Ich kann höchstens die Gelegenheit nutzen meiner Sorge darüber Ausdruck zu verleihen, dass es eingedenk der aufmerksamkeitszerstreuenden Social-Media-Gehege, Selbstvermarktungs- und Ausbeutungs-Praktiken, Wohlgeneigtheits-Abhängigkeiten und allgemeiner Blödmaschinenhaftigkeit unserer Konsum-, Wegwerf- und Unterhaltungsgesellschaft nicht leichter geworden ist, den eigenen und allgemeinen Verfall entgegenzuwirken, oder dass diese Rahmenbedingungen für nervöse Kontemplation, rabiate Toleranz und exhibitionistische Introvertiertheit — wesentlichen Vorraussetzungen für hochwertigeres, offenes und gemeinschaftliches Denken und eben auch Babbeln über Literatur — abträglich sind.

28. Schreibe unzensiert die ersten zehn Autor*innen auf, die dir einfallen
— Ich nehm welche, die ich hier bei anderen Antworten noch nicht genannt habe: Neil Gaiman, Annie E. Proulx, Philip K. Dick, Zadie Smith, Neal Stephenson, Molly Crabapple, Thomas Pynchon, Terry Pratchett, Mervyn Peake, Laurie Penny.

29. Was ist für dich 2018 bedeutender: Zugänglichkeit der Kunst oder Autonomie der Kunst?
— Das ist ’ne Fangfrage, oder? Ich beantworte sie, wenn wir die derzeitigen gesellschaftlichen Krisen und Gräben überwunden haben und sich wieder angemessene Musenhaftigkeit eingefunden hat, um sich so einer Frage wirklich ungetrübt widmen zu können.

30. Hast du schon mal mit einer Rezension einem Buch zu spürbar mehr Erfolg verholfen?
— Da ich keine Einblicke in die Verkaufszahlen von Verlagen habe, und mich nicht um Klick- und Trackback-Schmarrn kümmere, ist es mir nicht möglich diese Frage zu beantworten. Ich habe im Lauf der Jahre allerdings einige Rückmeldungen bekommen, dass ausgerechnet ich Leuz den Weg zu bestimmten Büchern gewiesen habe und sie mir zum Teil extrem dankbar dafür sind (was mich sehr durcheinander bringt, weil ich verklemmter eitler Wicht mit Minderwertigkeitskomplex gehörig Probleme mit Komplimenten habe).

31. Besprichst du zu viele männlichen Autoren?
— Welcher Mann tut das nicht? Ich bemühe mich um Besserung.

32. Verdient man beim Bloggen an irgendeiner Stelle Geld?
{lacht prustend}

33. Wie bist du zu molochronik / molochronik reloaded gekommen?
— Zur ›molochronik‹ bin ich gekommen, weil meine damalige Partnerin antville entdeckt hat, und ich ihr (wie oftmals) bei dem Klugen, Schönen und Anregenden das sie unternahm, folgte. — Zu ›molochronik reloaded‹ bin ich erst vor kurzem gekommen, als ich im Zuge eines akuten Burnouts krankgeschrieben wurde (und zum Zeitpunkt, da ich dies schreibe, immer noch bin), und seit Jahren zum ersten mal wieder meine Kreativität produktiv fließt. Da die alte Tante antville leider inzwischen eine für mich ungeeignete Bedien- und Eingabeoberfläche hat, entschied ich mich für einen Neustart bei WordPress.

34. Wer und was bereichert dich im Internet?
— Zuviel.

35. Wer und was stiehlt dir im Internet die Zeit?
— Alles.

36. Welche Funktionen muss ein Internet-Shop für Bücher und E-Books haben, um für dich als Blogger*in interessant zu sein?
— Simpel: Die Bücher liefern zu können, die mich interessieren und die ich haben will, zu einem Preis, den ich mir leisten kann.

37. Welche Funktionen muss ein soziales Netzwerk rund um Bücher und E-Books haben, um für dich als Blogger*in interessant zu sein?
— Für Consulting verlange ich Gegenleistung, also beantworte ich diese Frage erst, wenn eine entsprechende Willensbekundung vorliegt. Grober Trailer: solange der Erwerb einer solchen Plattform vornehmlich auf Werbegeldern oder monetärer Verwertung von Teilnehmer-Daten gründet, kann sie nichts taugen, sondern nur Teil einer Fabrik zur Herstellung von Stupidität, Apathie und galoppierender Ignoranz sein. Und jede Art von Social Media braucht gute, fachkundige Moderation, und die kostet entweder Geld (»Wie macht man in der Buchbranche mit ambitionierten Projekten ein kleines Vermögen? Aaalso, man nehme ein großes Vermögen …«), bzw. verlangt Selbstausbeutung. Aber vielleicht verstellt mir mein pöser Hang zum Pessimismus die Sicht.

38. Zu welchem Shop oder zu welcher stationären Buchhandlung verlinkst du aktuell, wenn du ein Buch oder E-Book besprichst?
— Gar keinen.

39. Was ist deine Lieblingsbuchhandlung?
— Vor Ort: Terminal Entertainment für Comics und Graphic Novels; Karl Marx Buchhandlung für alles andere.

40. Wo kaufst du wirklich deine Bücher und E-Books? Bitte in der Reihenfolge der Frequentierung aufzählen.
— Ich schwacher Konsum-Zombie kauf bei Amazon, allerdings nur Sachen, die sonst zu kostspielig für mich sind (beispielsweise teure Sammelbände von Comics/Graphic Novels, oder ›Art of‹– und andere Pracht-Bildbände).

41. Kommst du aus einem Lesehaushalt?
— Mein Vater ist ein klassischer lesender Arbeiter, der seit ich mich erinnern kann, Krimis, Western, Sachbücher über Natur und fremde Länder und dergleichen ließt. Meine Mutter (im Lauf der Jahrzehnte Tausendsassarin in zig unterschiedlichen Jobs und Hausfrau und Mutter/Oma ist) hat die größte Sammlung an Kochbüchern aller erdenklichen Art, die ich je gesehen habe.

42. Wenn du Verwandte unter 18 hast, lesen diese?
— Soweit ich weiß nicht. Wenn dann nur für die Ausbildung oder den Job.

43. Geschätzte Lesezeit in Stunden pro Tag?
— Im Durchschnitt um die zwei bis vier Stunden. Oftmals lese ich nebenbei, während Musik oder Dokumentationen/Audiokommentare laufen.

44. Unterscheidest du heimlich zwischen gutem Bücher- und schlechtem Social-Media-Lesen?
— Nö, ich treffe diese Unterscheidung unverblümt ganz offen.

45. Liest du genug Bücher?
— Ich lese wahrscheinlich zu viel und sollte mehr aus dem Haus und unter Leuz. Auf jeden Fall lese seit vielen Jahren mehr als gut für mich ist.

46. Hast du in den letzten Jahren Probleme, dich auf Bücher bzw. überhaupt längere Texte zu konzentrieren?
— Kommt auf die Texte an. Bei umfangreicheren Büchern mach immer schon gern mal Pausen, auch längere.

47. Auf wem oder was liegt deine literarische Hoffnung?
— Ich leb derzeit alleine, also lieg ich auf niemanden. Ich habe aber in den letzten Jahren begonnen, mich vermehrt darum zu bemühen, Autorinnen zu lesen und z.B. die oben (siehe Frage 28) genannten Frauen haben meine Lektüren ungemein bereichert. Ich bewundere es, wie die jüngste Welle feministischen Schreibens verschiedenste extrem wichtige Impulse geschickt miteinander verflicht: Frust und Wut Ausdruck verleihen, Kritik an der Kaputt- und Niederträchtigkeit der patriarchalen Weltordnung üben (unter der auch Männer leiden), sich unverzagt für eine bessre Welt einsetzen, die von den Siegern geschriebene Historie korrigieren ect. pp. ff.. Ja, all das macht mir durchaus Hoffnung.

48. Welche Literatur-Preise sind noch relevant?
— Müsst ich länger nachdenken, aber ich achte nicht wirklich auf Literatur-Preise. Oh, doch! Ich lese gerne das kurzweilige Geschnatter, zu dem sich einige geistreiche Menschen während des Klagenfurter Wettlesens hinreissen lassen.

49. Sollte man, um Autor*in zu werden, an einem Literaturinstitut studieren?
— Wenn man sich in noch größere Gefahr begeben will, sich Stil und Denke zu versauen, als dies ohnehin schon der Fall ist: Ja.

50. Welche Monetarisierungsmöglichkeit für Blogs erscheint dir am passendsten und realistischsten?
{Grinst verlegen und zuckt die Schultern}

51. Gibt es Kontexte, in denen du nicht erzählst, dass du Blogger*in bist?
— Meistens: beim Einkaufen, wenn ich in ‘nem lecker Eis-, Halal-Baguette, Thai- oder Döner-Geschäft Essen bestelle usw..

52. Die besten drei Literaturblogs außer Deinem?
— Meine Blogs sind eh nicht sooo dolle. Hier aber drei Blogs die mir einfallen, die sehr interessante Ansätze verfolgen:

  • Auch wenn nirgendwo ›Blog‹ steht, wird »The Dark Mountain Project« (@darkmtn bei Twitter), soweit ich sehe, mit einer Blog-Obertfläche (ich glaub WordPress) betrieben und lässt sich auch so lesen und sogar kommentieren. Beispielsweise die Essay-Sammlung »Rewilding the Novel« ist ungemein spannend.
  • »The Untranslated« (@TheUntranslated bei twitter) kümmert sich um Literatur, die es (noch) nicht auf Englisch gibt, und fördert damit für mich immer wieder erstaunliche Gemmen zutage (eine der wenigen Seiten im Netz, wo ich etwas Kluges über meinen vergessenen Helden Giorgio Manganelli gefunden habe). Der oder die Betreiber*in pflegt z.B. das ergiebigste, zugänglichste und beständigste mir bekannte »Zettel’s Traum«-Leseprotokoll (nach der Übersetzung von David E. Wood). Was sagt das über die deutsche Blog-Landschaft (oder meine Kenntnis derselben)? — Die Art, wie z.B die »Zettel’s Traum lesen«, oder das vom Suhrkamp Verlag selbst angestoßene »schauerfeld« kläglich im Sande versickert sind, ist ein Musterbeispiel für die Verzagtheit, Diskussions-Unfähigkeit und allgemeine Befangenheit unserer Literatur-Szene.
  • Und langfristig am treuesten bin ich »Arts & Letters Daily«, quasi einer englischsprachigen Version des Perlentauchers. Ist aber, was wohl der Größe des Sprachraums geschuldet ist, eben deutlich ergiebiger für mich, als etwaige deutsche Seiten.

53. Liest du ein Feuilleton, wenn ja, welches?
— Ich les querbeet alle möglichen Feuilletons die ich in die Bratzen bekomme. Ich lese dabei oftmals kopfschüttelnd und/oder resignativ seufzend.

54. Was versuchst du, Lesenden in deinen Texten zu vermitteln?
— Abgesehen davon, dass ich seit über 30 Jarhen an einer eklektisch-extenzischen Großraumphantastik-Philosophie bossle? Freude am Lesen und ziellosem Erkunden und wonniglichem Sich-Verirren und -Wiederfinden. Mut machen zum In-Frage-Stellen und Überschreiten und Überbrücken von vermeintlich heiligen Grenzen zwischen U und E, realistisch und phantastisch. Und nicht sauer zu sein, wegen meiner notrischen Tippfehler-Schwäche und zugegeben verquast-überspannten Denke.

Burnout-Link-Tipps — #3

Dritte Lieferung der (fast) täglichen kulturellen Link-Bonbons, die mir Freude machen und Kraft spenden und die ich seit meinem Burnout-Zwischenfall mit ›meinen Leuten‹ in einer kleinen Privatmitteilungs-Gruppe bei Twitter teile.


Sonntag, 25. Nov.: Die Youtube-Essays von habe ich in den letzten Wochen entdeckt. So ziemlich alles, was ich seitdem von ihm geguckt habe, lohnt sich. Dieser Zweiteiler über das ›Œvre‹ von Michael Bay stellt für mich eine große Herausforderung dar (im Guten!). Immerhin ist es für Leute mir mehr als drei im Schädel herumkullernden Hirnkrümeln quasi ein Ding der Unmöglichkeit, Bays Werke gut zu finden, selbst wenn man seine nicht zu leugnenden handwerklichen Qualitäten als Rambazamba-Meister anerkennen kann. Willams hat es aber durch seine Deutung dieser Filme geschafft, mir ein Quäntchen mehr Respekt für Michael ›Little Fincher‹ Bay einzuflößen. Abgesehen davon finde ich Bays aus der Reihe fallendes SF-Vehikel »The Island« immer noch sehr fein, und auf eine perverse Art begeistert mich sein jüngster Transformers-Flick »The Last Knight«, sowie seine verstörend entzückende Gebrüder Coen-Homage auf Amphetaminen‹ »Pain & Gain«.


Montag, 26. Nov.: Auf den heutigen Link-Tipp bin ich vorgestern von aufmerksam gemacht worden. (Jupp, ich wage es langsam wieder, mich im offenen Twitter herumzutreiben, z.B. indem ich mich traue, ab und zu in meine offene Twitter-Liste ›Arkadische Guerilla—GEFILDE‹ zu gucken).

Ich weiß nicht genau, seit wann mich Gebärdensprache fasziniert, womöglich seit ich z.B. »Gottes vergessene Kinder« (1986) gesehen habe. »Das stille Kind« (OmU) von Chris Overton hat dieses Jahr den Oscar für ›Best Short Film (Life Action)‹ gewonnen und ist noch bis 21. Februar 2019 bei Arte online zu sehen.

The Silent Child


Dienstag, 27. Nov.: Ich hab »NSA — Nationales Sicherheits-Amt«, als es frisch in den Läden lag, nach ca. 30 Minuten wieder zugeklappt und mir nix groß dabei gedacht, außer, dass Andreas Eschbach in meinen Augen seit je an allen vier Zeilen von Robert Gernhardts ›Lyrik-Qualitäts-Check‹-Gedicht scheitert.

(Zur Erinnerung:
»Gut gefühlt.
Gut gefügt.
Gut gedacht.
Gut gemacht«.
)

hat in seinem Blog »54books« die krassesten Verfehlungen (des Autors Eschbachs, seiner Probeleser, Lektoren, und schließlich der Kritiker*), die zu sowas wie diesen Nazi-Uchronie-Porno führen, benannt: »Nazi-Kitsch, Internetkritik und sexuelle Gewalt oder warum dieser Roman einen Skandal auslösen müsste« . Es hat mich ungemein beruhigt, dass ›meine‹ Experten bei SF-Netzwerk den Roman überwiegend langweilig und enttäuschend fanden.
*Denis Scheck hat NSA empfohlen! Macht mich jetzt noch fassungslos.


Mittwoch, 28. Nov.: Nach all dem ›heavy stuff‹ den ich letzter Zeit hier verbreitet hab, ist es Zeit für eine Runde kuriosen Spaß mit dem stets großartigen ›Movie Bob‹ Chipmann und seiner atemlosen Übersichts über Handlung & Entstehung des ersten echten Marvel-Multi-Crossover-Flick, den es in den 80ern fast gegeben hätte.


Donnerstag, 29. Nov.: Heutiger Tipp des Tages ist wieder heftig, aber um’s ›etwas‹ lockerer zu machen, lass ich euch an einem meiner typischen Internet-Trips teilhaben.
Also, bei mir babbeln derzeit nebenbei die Audiokommentare von »Game of Thrones«, in diesem Fall von Staffel 2 (aus der glorreichen Stadtbücherei Ffm entliehen), und erfahre beim Plausch von Ian Cunnngham (Davos Seaworth) & Carice van Houten (Melisandre, und ich war beeindruckt von ihrer Rolle in Paul Verhoevens »The Black Book«), dass die beiden sich schon von einem Dreh in Südafrika kennen.

Ich so: »HÄ?«

Recherchier also und finde den Film »Black Butterflies« (2012), der gute Kritiken, Preise und alles hat, inkl. einer großen Nebenrolle von Rudger ›Schauspiel-Gott‹ Hauer!!!

»Warum hab ich noch nie von dem Film gehört?«, denk ich mir.

Warum gehts? Leben und Sterben (empörend tragisch! Zwangseinweisung in Klapse durch Herrn Papa, Elektroschick-Therapie, Selbstmord) der südafrikanischen Dichterin Ingrid Jonker, (1933–1965), die zu Lebzeiten nur zwei schmale Lyrik-Bände veröffentlichen konnte.
Und wodurch wurde dann Ingrid Jonker zur Zeit meiner Generation weltberühmt?
Nelson Mandela hat seine erste »Rede zur Lage der Nation« als frischgewählter Präsident von Süd-Afrika am 24. Mai 1994 mit einer großen Verbeugung vor Jonker eröffnet, unter anderem mit einem langem Zitat aus ihrem bekanntesten Protest-Gedichtes »Die Kind« (1960)  (nicht verwirrt sein! Jonker schrieb ihre Gedichte auf Afrikaans und da heißt es nun mal ›die Kind‹ statt ›das Kind‹). Auf der wundervollen niederländischen Website »Muurgedichten« kann man das ganze Gedicht in verschiedenen Sprachen — auch auf Deutsch — finden.

Beim weitern Rumlesen zu den »Black Butterflies«-Darsteller*innen bin ich auf eine frühe Rolle von van Houten gestoßen: »Die geheimnisvolle Minusch«, den ich schon seit ewig mal sichten will und mir später heut Abend zur Erholung gönnen werde. — Nachtrag: der Film ist doll! Bietet alles, was man sich von einem guten, frechen, herzigen, phantastischen Kinderfilm erwarten sollte.

Burnout-Link-Tipps — #2

Zweite Lieferung der (fast) täglichen kulturellen Link-Bonbons, die mir Freude machen und Kraft spenden und die ich seit meinem Burnout-Zwischenfall mit ›meinen Leuten‹ in einer kleinen Privatmitteilungs-Gruppe bei Twitter teile.


Donnerstag, 15. Nov.: Ich bin zwar noch nicht durch mit »Kanaillen-Kapitalismus — Eine literarische Reise durch die Geschichte der freien Marktwirtschaft« von César Rendueles, aber ich traue mich jetzt schon verkünden: ein sehr lesenswertes, kluges, emphatisches und kurzweilig-zugänglich geschriebenes Buch.

Im zweiten Kapitel — zur Heraufkunft des Lohnarbeitsmarktes in der ›heroischen Phase‹ des industriellen Kapitalismus — findet sich das Gedicht »Beschreibung der Lüge« von Antonio Gamoneda, eigentlich ein Text über Depression, das aber eben auch sehr gut die Ausgepumptheit von jemanden in Worte fasst, der als Lohnsklave in einem unbefriedigenden Job vor sich hin darbt.

Kanaillien_Kapitlasmus


Freitag, 16. Nov.: Der heutige Link-Tipp beschäftigt sich mit einem der besten Filme, die ich je gesehen habe: »Mad Max: Fury Road«. Der kluge Medien- & Gesellschafts-Kritiker hat einen hinreissend klar argumentierenden, achtteiligen Video-Essay zu dem Film gestaltet. Auch wenn man vielleicht zwischendurch glauben mag, dass er — trotz einer Fülle kluger Einzelbeobachtungen — beim großen Bogen nie wirklich zu Potte kommt, rate ich dazu: bleibt am Ball! Es ist geradezu spektakulär, wo er am Ende ankommt. Erlebe ich selten, dass jemand einen Film so gut belegt zu lesen, und seine Interpretation auch plausibel auszudrücken vermag. Viel Spaß!

Nicht ganz uneitel meine Empfehlung, weil ich mir irr schlau vorkam, dass außer mir noch jemand anders ‘ne ganze Reihe wichtige Details bei »Fury Road« bemerkt hat, z.B. die beiden Taschen (eine mit Todes-Samen, eine mit Wachstums-Samen), der Gegensatz von vertikal & horizontal organisierter Macht, wie viel Charakter-Beschreibung in die ersten Kameraeinstellungen bei der Vorstellung der drei wichtigsten Figuren des Filmes eingebettet ist, u.v.m..


Samstag, 17. Nov.: Der heutige Tipp ist wieder einfach: »The Ballad of Buster Scruggs«, eine Western-Anthologie der Gebrüder Coen bei Netflix. Es gibt ja viel zu wenige Anthologie-Filme! Der hier hat alles, was man sich vom Western-Genre wünschen kann, und noch einiges darüber hinaus, worauf man nie gekommen wäre. Für mich womöglich ein neuer Top-5-Coen-Brüder-Film, aber definitiv einer ihrer besseren Streifen, wenn man es eben abwechslungsreich mag. Es gibt sechs Geschichten, die jeweils ein eigenes Western-SubGenre wiederaufleben lassen. — Die Episode mit Tom Waits als Goldgräber wirkt auf mich wie eine innige Studio-Ghibli-Homage. Unfassbar schön, aber auch ein wenig traurig, weil dabei großer GCI-Aufwand betrieben wurde, um unberührte Natur glorios zu inszenieren.

BTW: Meine bisherigen Top-5-Gebrüder-Coen-Filme? Hmmmm … chronologische Reihenfolge, ohne Wertung:
• »Barton Fink«
• »The Big Lebowski«
»O Brother, Where Art Thou?«
»A Serious Man«
»True Grit«


Sonntag, 18. Nov.: Bin zum Frühstück über diesen Vortrag von Drehbuchautor & Regisseur Charlie Kaufmann gestolpert. Wer mich halbwegs kennt, weiß, dass ich alle Kaufmann-Filme sehr verehre (»Being John Malkovich«, »Human Nature«, »Adaption«, »Confessions of a Dangerous Mind«, »Eternal Sunshine of the Spotless Mind«, »Synecdoche, New York«, »Anomalisa«). Neben David Lynch (der allerdings eine komplett andere Vibe bedient) ist er vielleicht der markanteste Vertreter einer Art von Phantastik, die mir persönlich sehr am Herzen liegt: traumgleich, fernab davon gewohnte Genre-Formeln zu befolgen, surreal, desweiteren unglaublich verletzlich, bescheiden & sensibel und dabei saukomisch, sowie sehr mutig dabei dem Publikum zuzutrauen mitzudenken/fühlen. Und :Kaufmanns Filme immer sehr verkopft und dialoglastig.


Montag, 19. Nov.: Heutiger Tipp: »Die berühmten Frauen der französischen Revolution 1789-1795« von Emma Adler, erschienen 1906. Nicht falsch verstehen! Nicht alles was ich empfehle, habe ich auch zur Gänze verköstigt. Seit jeher sind Tipps von mir auch eine Art Gedächtnisstütze. Zurück zu Emma Adler: natürlich bin ich …

  1. … prinzipiell angefixt, wenn es um Geschichten über die Französische Revolution aus ›Froschperspektive‹ geht; zudem
  2. freut mich als bekennender & auch ein wenig eitel-stolzer, sich selbst auf die Schulter klopfender SJW, speziell ein Werk über die Frauen der FranzRev gefunden zu haben, welches noch dazu
  3. in einer feinen Sprache geschrieben ist. Allen, die sich, im welchem Zusammenhang auch immer, schreibend auszudrücken trachten, rate ich seit jeher, möglichst querbeet zu lesen und nicht in einem kleinen Winkel der eigenen Geschmacksbratpfanne zu brutzeln. Und ältere Werke sind da ein wesentlicher und überwiegend erquicklicher Quell der Inspiration.
  4. Dann für mich ein kleiner Schock, dass ich erst jetzt über Emma Adler stolpere, die es soweit ich bisher einschätzen kann, verdient hätte, mehr zu sein, als ›die schreibende Gattin SPÖ-Gründer Victor Adler‹.

Dienstag, 20. Nov.: Fast hätt ich den heutigen Link-Tipp vergessen. Der kam per Post in Form einer Naturalien-Zahlung von einem meiner Netflix-Untermieter: »Deconstructing the Incal« von Christophe Quillien, Jean Annestay sowie mit Beiträgen der  ursprünglichen ›Incal‹-Comics-Schöpfer Alejandro Jodorowsky, Mœbius, Jenjetov und Ladrönn. Ursprünglich als »Les Mysteries de L’Incal« 2016 bei ›Humanoids et Associes‹ in Frankreich erschienen, gibt es diesen wunderschönen Band (mit Lesebändchen!!!) seit 2017 auch auf Englisch beim amerikanischen Schwesterverlag ›Hummanoids‹. Auf den 117 Seiten findet sich:

  1. Inside The Incal: The Revelation of the Books (The Incal; Before The Incal; After The Incal; Final Incal)
  2. Behind The Incal: Creators & Origins (Alejandro Jodorowsky; Mœbius; Zoran Janjetov; Yves Chaland; Ladrönn; Alejandro Jodorowsky’s Dune; The Creative Process; Improvisation; Collaboration; Frustration; Design; Re-Coloring; Dialogue; The Forgotten Page; Novel)
  3. The Black Incal vs. The Luminous Incal: Characters & Creatures (John Difool; Luz de Garra; Deepo; The Metabaron; Animah & Tanatah; Solune; Kill Wolfhead; Arhats; Barbariah; Protofather; Orh; Raïmo; Kaimann; Snailhead; Gorgo the Foul; Kolbo-5; Bergs; The Eyecop; Archangels; Elohim; The Psychorats; Anarchists; The Necrodroid; The President’s Hunchbacks; The Cardioclaw; Diacaloo; The Supra-Divinoid; Cybo-cops; The Supreme Highness; The Darkness; Gounas; The Benthacodon)
  4. Across The Incal: Timeless Worlds & Infinite Ephemera (Galaxies; The City-Shaft; Suicide Alley; The Acid Lake; Conapt; The Crimson Ring; Center Earth; The Great Nuptial Games; The Starship; Vhisky, SPV, and Horror-Whores; Amorine; Halo; Cocaloco)
  5. Beneath The Incal: Themes & Influences (The Tarot; Alchemy; Metamorphoses; Esotericism; Duplication; The Subconscious; Initiation; Genealogy; Patricide; Tintin; Dream; Truth; Friendship; The Big Secret; Social Organization; War; Revolution; Crime Fiction; Reality TV; Science Fiction)

Deconstructing the Incal


Mittwoch, 21. Nov.: Über das Musik-Projekt »Elif’n Hecesi« bin ich schon vor einiger Zeit gestolpert (wurde mir in youtube-Empfehlungen gespült). Dort hat man sich vorgenommen ›die Echos der Vergangenheit zu bewahren‹, dabei ist es den Musikern herzlich Wurscht, von wo … ob türkische, iranische, kurdische, bulgarische Musik, jeder ist willkommen. Im Hintergrund hört man manchmal das ferne Rumsen von Mörsern. Hier geht’s zur Video-Übersicht auf ihrem youtube-Kanal.

Ein wenig schwer, auf Deutsch oder Englisch mehr zu ›Elif’n Hecesi‹ (zur Patreon-Seite des Projekts) herauszubekommen, weil die Info-Texte größtenteils auf Türkisch sind und z.B. ›Google translate‹ veranschaulicht, dass frei verfügbare Übersetzungungs-Algorithmen noch weit davon entfernt sind, menschlichen Übersetzern eine Konkurrenz zu sein.

Hier das erste Video, über das gestolpert bin (sei die Katze!):

Burnout-Link-Tipps — #1

Beginnend mit Mittwoch, den 07. November 2018 — dem Tag meines Burnout-Zusammenbruchs — hier die ersten sieben meiner ›läppischen‹ Link-Tipps, die ich in meiner ›safe space‹-Twitter-PM-Gruppe »Arkadische Guerilla« geteilt habe. Das ist der Hauptzweck der Gruppe: weiterhin eine Möglichkeit zu haben mein Talent als querbeet gründelndes Trüffelschwein auszuleben, und Leuz, die eben dieses Talent von mir wertschätzen, mit meinen Funden zu erfreuen.  Statt mich im offenen Twitter über alles Mögliche heftig uffzuregen, konzentriere ich mich darauf, in einer kontrollierten Umgebung gesellig und positiv zu sein. — Am Donnerstag den 08. hatte ich zu viel um die Ohren und war zu erschöpft, um einen Tipp zu verschicken.

Viel Spaß!
Cheers,
Alex / molo


Mittwoch, 07. Nov.: Allen KRITISCHEN Lovecraft-Kennern zum Abgiggeln empfohlen. Dieser Essay von @OSPyoutube wurde mir von youtubes Empfehlungs-Algorithmus nahegebracht. Hab ‘nen Gutteil des Mittwochs damit verbracht, den Kanal von ›Overly Sarcastic Productions‹ zu durchstöbern. Hat mir sehr geholfen, mich zu beruhigen.   


Freitag, 09. Nov.: Heutiger Netflix-Tipp über den ich mich SEHR freue (neben der 2. Staffel »The Sinner« und »American Horror Story: Cult«): ich kann endlich wieder mal »An American Tail« auf Englisch gucken. Was hab ich harter 14-Jähriger damals Tränen der Rührung vergossen bei diesem Lied.


Samstag, 10. Nov.: Unter anderem, weil ich wiederum gescheitert bin, mit Technik für Podcast-Aufnahmen zurecht zu kommen (Update: Massenschleifen-Brummen Dank selbst gebasteltem Erdungskabel mittlerweile beseitigt … Yeah!) hab ich mich extrem frustriert dem Bude-Aufräumen hingegeben und ließ dabei nebenbei dieses Video über Scots (nicht zu verwexeln mit Scotish English!) von laufen. Großartiger Channel für alle denen Gefizzel & Eigenheiten von Sprachen Freude bereitet. Darin dann folgender Hammer, über den ich jetzt noch lach:

»There is no universal standard to determine what’s a language and what’s a dialect. — ›A language is a dialect with an army and a navy‹«

»Es gibt keine allgemein gültigen Kriterien um zu bestimmen, was eine Sprache und was ein Dialekt ist. — ›Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee und einer Marine.‹«

Das Zitat stammt von Max Weinreich.


Sonntag, 11. Nov.: Irgendwie bin ich nach Akku-Aaufladen wachgeworden, und frug mich: was ist eigentlich aus der Animationskünstlerin Nina Paley geworden, die mich damals™ mit ihrem Video zu »This Land Is Mine« beeindruckt hat, und deren Film »Sita Sings the Blues« bei uns komplett untergegangen ist?
(Eh ein Thema für sich … wieviel hochrangige Animationsfilme NICHT den Weg auf den deutschen Markt schaffen; googelt zB mal »Kahlil Gibran’s The Prophet«; der wird in der deutschen Wikipeadia noch nicht mal ERWÄHNT, weder beim Autor, dem Buch, den durchaus hochkarätigen Sprechern Liam Neeson oder Alfred Molina, oder der Sprecherin/Produzentin Selma Hayek).
Zurück zu Nina Paley: hier ein kurzer Film der geeignet ist, einem ganze Semester Religions- & Mythologiegeschichte zu ersparen:


Montag, 12. Nov.: Hab mich selbst damit überrascht, als ich mich getraut hab, bei Kamerad Markus Mäurer einen Kommentar in sein feines Blog ›translate or die‹ zum Thema »Ist der Markt für anspruchsvolle Phantastik im Arsch?« zu platzieren … okay, es ist ein Uffreg-Text, aber ich glaub, ich hatte mich im Griff.


Dienstag, 13. Nov.: Mein heutiger Tipp ist einfach: »The Grand Budapest Hotel« (2014) von Wes Anderson. Ich schrieb ja schon im offenen Burnout-Twittagebuch, dass ich Anfangs mit Anderson nicht wirklich warm wurde. »Rushmore« (1998, Videothek) und »The Royal Tennenbaums« (2001, Videothek) sah ich damals und fand sie so ›meh‹-kurios-fad. Aber »The Fantastic Mr. Fox« (2009, Stream) eroberte sofort mein Herz, und auch »Moonrise Kingdom« (2012, Stream) hat mich inniglich amüsiert. »Isle of Dogs« (2018) war dann der erste Anderson-Film, den ich im Kino sah und — hier wird’s jetzt wacklig, denn die Steigerungen der Begeisterungsverkündigung drohen zu einem heiklen Balance-Akt des In-der-Höhe-Aufeinandertürmens zu werden — ich war noch hingerissener: nie war Not, Elend & Dystopie so schön, so ergreifend, so lustig!

Nun also TGBH. Was soll ich sagen? Normalerweise muss ich lange knobeln, mich durch Zweit- & Drittbeschau, Vergleichen mit sonstigen Werken eines Machers und den in Frage kommenden Milieu-/Genre-Artgenossen vergewissern, um meine Höchstnote nicht unachtsam einem unwürdigen Kandidaten angedeihen zu lassen, aber diesmal — wie zuletzt, so meine Erinnerung mich nicht trügt, bei »Gravity« (2013) — bin ich bereits nach erster Augenscheinnahme sicher: dieser Film ist eine 10 (oder Plus 5 über der unsichtbaren Grenze der absoluten Mittelmäßigkeit; Maßstab-setzendes  Meisterwerk; olympisch). Natürlich hat mich TGBH angefixt, mich in Bälde mal näher der Werke von Stefan Zweig anzunehmen, den ich bisher nur auszugsweise kenne. Hier die Abspannmusik, die ich nach dem Film einige Male wiederholt habe, inkl. beiseit rücken der Möbel, damit meine osteuropäischen Gene genug Platz haben um gehörig abzuzappeln.


Mittwoch, 14. Nov.: »Die rote Schildkröte« ist noch bis zum 21. November 2018 bei arte für umme zu sehen, und wer den Film dort verpasst, kann ihn auf einigen Plattformen  streamen, oder sich eben gleich auf DVD/Blu Ray besorgen. Ich hab zwar den Verdacht, hier dem Chor zu predigen, aber trotzdem: wenn auch nur einer von euch noch nix von dieser Studio Ghibli-KoProduktion mitbekommen hat, oder noch nicht dazu gekommen ist ihn zu sehen, hat sich die Mittelung gelohnt. Macht euch einen schönen Abend mit einem Film-Gedicht ohne Worte: nur Bilder, Geräusche und Musik. Und wer selbst irgendwie kreativ unterwegs ist, wird anhand dieses Films viel über die Kunst des Geschichtenerzählens lernen können. Er ist eine machtvolle Erinnerung daran, dass die grundlegendsten Elemente jeder Geschichte Menschen sind, ihre Gefühle, ihr Hoffen und Scheitern und wo sie sich in der Welt wiederfinden und wie sie mit ihr umgehen; und dass es keine Sprache, fizzeligen Begriffe und darauf aufbauenden ausgeklügelten ideologischen Streitgespräche braucht, um über diese essentiellen Dinge nachzudenken. »Die Rote Schildkröte« strotzt derart vor Selbstvertrauen und Schönheit, dass es schon schmerzt. Aber auf die Gute. Vertraut mir.