Burnout-Link-Tipps — #4

Vierte Lieferung der (fast) täglichen kulturellen Link-Bonbons, die mir Freude machen und Kraft spenden und die ich seit meinem Burnout-Zwischenfall mit ›meinen Leuten‹ in einer kleinen Privatmitteilungs-Gruppe bei Twitter teile.


Freitag, 30. Nov.: Heutiger Tipp ist mal was ganz anderes: ein Lebensmittel! — Schon vor einiger Zeit habe ich begonnen, alles an Milch-Alternativen zu verköstigen, dessen ich habhaft werden kann. Warum? Rindermilch ist (für mich) doof, weil  …

  1. image… evolutionsbiologisch (leichte Laktose-Intoleranz);
  2. … entsprechende Verdauungs-Unannehmlichkeit, die im Verbund mit einem klassischen göttlichen Leiden meinerseits bisweilen ‘ne buchstäblich beschissen-blutige Kombi ergibt;
  3. … uns Werbegedöns eingeredet hat, die Milch von der Kuh wär der Heilige Gral und ich insgesamt weg will von diesem ganzen agrar-industriellem-bio-chemisch-pharmazeutischen Vergiftung. Ich würd die ja gern gleich in die Luft sprengen, aber ich versuch’s erstmal auf die individuell-pazifischtisch-konsumistische Weise.

Hab echt alles durchprobiert, was man sich denken kann: Soya-, Mandel-, Spinnen-, aus alten Schuhsohlen recycelte Milch, imaginäre Milch … nix davon hat mir geschmeckt, oder ist leicht erwerblich, oder existiert. Die evolutionsbiologisch angeblich beste (weil der Menschenmuttermilch ähnlichste) Milch soll ja Pferdemilch sein. Aber an Pferdemilch komme ich so leicht nicht rann, erst recht nicht bei meinem kleinen REWE um die Ecke, und ich habe weder Geld noch Platz mir genug Pferde in der Bude zu halten, um selbst zu melken.

Nun hab ich aber Hafermilch von Oatly entdeckt und kann endlich wieder nicht-trockenes Müsli zum Frühstück futtern. Ich hab mit der Calcium-Variante angefangen und die schmeckt mir schon so, wie sie ist, sehr gut. Ein wenig nach Hafer (no-na!), aber für mich Zuckermäulchen süß genug, dass ich das Müsli in keinster Weise mehr mit Honig nachsüßen muss. Möglicherweise hat mich aber auch schlicht der Bann eines Kultes erwischt … wer kann sich schon sicher sein in den heutigen Zeiten (wo ist mein Alu-Mützchen).


Samstag, 01. Dez.: Für den heutigen Tipp des Tages gönne ich mir — ich, der große Nostalgie-Skeptiker — eine fette Portion Kindheits-/Jugenderinnerung. Es ist nämlich so, dass ich buchstäblich seit Jahren immer wieder mal vergeblich nach der Titelmusik einer englischen Serie aus den ¿70ern/80ern? suche. Heute wurde ich endlich fündig!

Bei uns lief die 13-teilige Serie »Brendon Chase« (1980) — nach dem gleichnamigen Jugendbuchklassiker von Denys Watkins-Pitchford aus dem Jahre 1944 — unter dem Titel »Im Schatten der Eule«. Die Musik stammt von Paul Lewis, und Flötenlegende James Galway tüdelt meisterhaft. Die Serie ist eine der vielen Wurzeln für meine Anglophilie. Im Gegensatz zu ›Ami-Scharrn‹ durfte ich die gucken.

Bei uns gibt’s die TV-Serie nur in deutscher Fassung bei Amazon Prime oder auf DVD. Es gibt aber einen youtube-Kanal mit allen 13 Folgen auf Englisch in mittelprächtiger Bildqualität. Die Serie hat mir damals sehr gut gefallen, obwohl ich nicht alle Folgen gesehen habe.


Sonntag, 02. Dez.: Gestern hab ich mich ja extrem viel im offenen Twitter herumgetrieben (war mutig, weil ich Musik für meine GutMukke-Playlist zusammengestellt habe, und meine wiedergefundene Hingabe für Musik — die mir über die letzten Jahre vollkommen verloren gegangen ist — wirkt ausgesprochen vitalisierend), und hab z.B. begeistert über die neue »Mord im Orientexpress«-Verfilmung (2017) und den Audiokommentar dazu von Regisseur/Darsteller Kenneth Brannagh abgejubelt. Gehört zu den wenigen Filmen, die ich glücklicherweise in OV im Kino sehen konnte, was sich wegen der hinreissenden Inszenierung gelohnt hat. Ich weiß, über Brannagh wird sich gern mal lustig gemacht oder man winkt ab, weil er bisweilen extrem eitel und egomanisch daherkommt, aber wer wie ich damals™ von seinem »Henry V« (1989) komplett überrumpelt wurde, oder sich mit »Peter’s Friends« (1992) vorführen ließ, wie Dramödie geht, oder einen seiner anderen guten Streifen mochte (zum Lachen: »Much Ado About Nothing« (1993); wer das Sitzfleisch hat: »Hamlet« (1996) ungekürzt und episch; ich würd gern mal wieder »In the Bleak Midwinter« (1995) sehen, aber der ist leider völlig untergegangen), oder wer ‘ne Schwäche für die Krimis von Agatha Christie hat, wird höchstwahrscheinlich seine Freude mit dem neuen »Orient Express« haben. Hier eine Vorgeschmacks-Dreiheit:

  1. eine lange Version des Film-Trailers;
  2. eine lobende Besprechung von BBC-Filmkritiker (für mich vielleicht der beste Filmkritker, wo’s gibt derzeit) Mark Kermode:
  3. und ein nettes Gespräch von Kermode mit Brannagh:

Unbedingt erwähnen muss ich auch, dass Brannagh als Regisseur/Darsteller zusammen mit Adapteur/Drehbuchautor Michael Green einen exzellenter Audiokommentar auf der DVD des Films bieten, der mich dazu anregte, mich endlich mal mehr mit Agatha Christie zu beschäftigen.


Montag, 03., Dez.: Sorry, wenn mir mir nun keine klugen einleitenden Worte mehr einfallen mögen, aber ich hatte heut einen etwas wilden Tag. — Irgendwann um 4 Uhr früh ist in meiner Straße der Strom ausgefallen wegen zwei Leitungsbrüchen. Auslöser war eine Anschlussmuffe in meinem Keller, die durch Dauer-Gedröppel ‘nen Kurzen verursachte, und ein paar Häuser weiter ist deshalb dann auch eine schlampige Anschlußverlötung durchgebrannt. Ab 8 Uhr waren dann insgesamt 3 Transporter der @Mainova mit zeitweise (ich glaub) 12 Leuten am Start, die Sache zu beheben, inkl. Kleinbagger, Gehweg 2 x aufbuddeln und Einspeisleitungsneuverlegung (Deutsch ist geil). Hat ›nur‹ bis 17 Uhr gedauert, trotz Kälte & Nieselregen. — Ich selbst verbrachte die Zeit damit, sämtliche Lebensmittel aus dem Kühl- & Eisschrank wegzufuttern (Gottseidank war ich Samstags zu faul, noch groß Vorräte aufzustocken, weil ich ja noch genug im Haus hatte) und, (weil meine Bude auch tagsüber berüchtigt dunkel ist) bei Kerzenschein Avatar-Comic zu lesen und mich bereit zu halten, den Infrakstruktur-Helden nötigenfalls die Haustür aufzumachen, falls sie doch von Kellerseite aus bosseln müssen.

Ach ja, der Tipp! Das neue Video von @Natalie Wynn. Wer sie nicht kennt, einfach mal ihrem Kanal durchstöbern. Ist alles klug, herrlich zotig, gut argumentiert, hinreissend gespielt & inszeniert und zum Teil auf genau die Art verstörend, die ich mag. Viel Spaß mit der Apokalypse, ihr Umweltfreunde:


Mittwoch, 05. Dez.: Heutiger Tipp des Tages: meine Neugierde für und deren ambitioniertes Vorhaben hat mich dazu gebracht, mich wieder den Beständen zu Medien- & Kommunikations-Theorie meiner (rumprotz!) Privatbibliothek zuzuwenden. Dabei habe ich zu meiner Freude entdeckt, dass ein Buch, das mich sehr geprägt hat, mittlerweile komplett online vorliegt. — Ich hatte 1998 das große Glück auf die Ars Electronica mitgenommen zu werden. Damaliges Thema: »Infowars« und entsprechend passend lautet der Titel von Band 2 (die Aufsatz-Sammlung) des Katalogs: »Information. Macht. Krieg.«.

Der für mein Dafürhalten beste Text stammt von Douglas Rushkoff, vielleicht manchem hierzuland noch bekannt als Teil der frühen Cyberpunk-Szene. Ich fand damals seinen Roman »Ecstasy Club« über die Rave-Szene der mittleren/späten 90er ziemlich interessant … grad weil ich mit diesem Milieu so gar nix am Hut hab. — Hier zum gehts kompletten Text von »Zwangsausübung und Gegenmaßnahmen«:

Zusammenfassung zu Beginn des Textes geht so:

Der Informationsrüstungswettlauf
Bei jedem Informationskrieg verlieren wir Menschen automatisch. Denn sobald Kommunikation zu Information wird, lebt sie nicht mehr. Wenn wir, als lebendige Wesen, eine Rolle im InfoWar annehmen, verlieren wir auch den Heimvorteil – die Verteidigungsfähigkeit, über die jede eingesessene Bevölkerung verfügt.
Wenn wir uns zu dem Glauben verleiten lassen, der Kampf um die Information sei in Wahrheit ein Kampf um die Realität, haben wir den Krieg bereits verloren.

Und diese zwei Kostproben taugen mir enorm:

So wie Liebemachen die Möglichkeit zu neuen genetischen Kombinationen eröffnet, leitet Kommunikation einen Prozeß der kulturellen Mutation ein. Wenn Gleiche miteinander kommunizieren, bleibt nichts, wie es ist. Echte Teilnahme heißt, daß man über alles reden kann.

Kostprobe 2:

Als immer mehr Menschen ihre Fernseher abdrehten und online gingen, stand die Frage für Beeinflussungsprofis fest: Wie können wir diesen Kommunikationsalptraum in ein herkömmliches, totes, kontrollierbares Massenmedium umwandeln? Der große Trick bestand darin, Kommunikation durch Information zu ersetzen.

Für mich erstaunlich und auch etwas gruselig: Die gleichen Probleme werden heute noch — 20 Jahre später — immer noch mit einer Behäbigkeit durchgekaut, als seien sie uns grad erst vor die Füße gefallen.

54 Fragen über Bücher und Literaturgeblogge

Ich bin mal voll die Sau und klaue einen Fragebogen, den die Heldinnen und Recken von »54books« (von denen ich einigen auf Twitter folge) für »mojoreads« beantwortet haben. Hab heut schon früh begonnen weiter meine Bude aufzuräumen, dann lang zu einer Wahnsinns-Compilation angezappelt und musste danach auch meinen Geist entrümpeln.


1. Was verbindet oder unterscheidet deine Rezensionen auf ›molochronik‹ & ›molochronik reloaded‹ von denen in klassischen Feuilletons?
— Ich muss mich nicht nach einer gewünschten Längenvorgabe ausrichten, kann machen, was ich will, schreiben wie ich will (oder wie es mir eben gelingt).

2. Wie entscheidest du, welche Titel du besprichst?
— Interesse, Laune, und ob ich mir den Titel leisten kann.

3. Schreibst du auch Verrisse oder schweigst du Bücher, die du nicht magst tot?
— Schreib auch Verrisse, achte aber darauf, dass ein Verriss Relevanz in sich birgt und nicht einfach nur Mießmach-Fun liefert.

4. Bekommst du ungefragt Bücher zugeschickt, wenn ja, in welchem Ausmaß?
— Höchstens als Überraschungs-Geschenk von lieben Menschen. Von Verlagen oder Agenturen unverlangt eingeschickte Bücher würde ich prinzipiell nicht besprechen.

5. Wer ist die Person, wer sind die Personen, deren Bücherempfehlungen du ohne Nachdenken annimmst?
— Ohne Nachdenken geht bei mir so wie gut gar nix. Aber es gibt eine Reihe von Leuz, deren Urteil ich vertraue.

6. Was ist dein liebstes Buch aller Zeiten?
— Möglicherweise der »The Scar« von China Miéville.

7. Was ist bislang dein Lieblingsbuch 2018?
{Guckt in seiner Goodreads-Jahresübersicht nach}: Womöglich »Kanaillien-Kapitalismus — Eine literarische Reise durch die Geschichte der freien Marktwirtschaft« von César Rendueles. Eine Buch gewordene Granate. Extrem gut lesbar und sehr fein holistisch gedacht und gefühlt. Bestätigt eine langfristige Grundannahme von mir, das wir nicht artgerecht gehalten werden vom Kack-Kapitalismus.

8. Was wäre dein Buchtipp für Ausgebrannte?
— Die vier klassischen Witzebild-Bände von F. K. Waechter bei Diogenes: »Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein« (1978); »Es lebe die Freihei«* (1981); »Männer auf verlorenem Posten« (1983); »Glückliche Stunde« (1986). Haben noch nie verfehlt, mich zu trösten und zum Schmunzeln zu bringen, wenn ich sehr niedergeschlagen bin.
* das fehlende ›t‹ ist kein Tippfehler.

9. Was war dein Lieblingsbuch als Kind?
— War als Kind zu unruhig um Bücher wirklich zu lesen, habe aber sehr gern im 24-bändigen großen Bertelsmann-Lexikon geblättert (12 Bände alphabethische Enzyklopädie, 12 Themen-Bände a la »Länder, Völker, Kontinente«, »Geschichte«, »Literatur«, »Technik«, »Naturwissenschaft«, »Flora und Fauna«) … vor allem wegen der Bilder, Risszeichnungen usw.

10. Dein Lieblingsbuch als Teen?
»Der Name der Rose« von Umberto Eco. Bis heut eins meiner Allzeit-Lieblingsbücher, und sicherlich der Roman, den ich am öftesten gelesen/gehört habe.

11. Was ist ein Kult-Buch, das dich kalt lässt?
— Da gibt’s einige, z.B. »On the Road« von Jack Kerouak, oder »Der kleine Prinz« von Antoine de Saint-Exupéry.

12. Wie viele Bücher besitzt du?
— Ca. 57,4 Meter.

13. Welches ist das am schönsten gestaltete Buch, das du besitzt?
»Codex Seraphinianus« von Luigi Serafini.

14. Was ist ein Klassiker?
— Kommt darauf an, von welchen oder wessen Klassikern wir sprechen, denn es gibt Klassiker der etablierten Deutungshoheits-Priester, Klassiker der Gegenkultur, vergessene Klassiker und und und (siehe auch Frage 17). Hochtrabend angesetzt: ein Klassiker ist im besten Falle ein Werk, dass sich über seine unmittelbare Zeitgenossenschaft und Zweckgebundenheit hinaus ein gerüttelt Maß an Relevanz bewahrt hat, sei es als Zeugnis der Vorstellungskraft, der Auffassungs- und Beobachtungsgabe, der sprachlichen oder künstlerischen Artistik, des gesellschaftlichen Engagements usw.

15. Wann hast du dein erstes E-Book gelesen?
— Ich glaub, mein erstes eBook war »L. A. Noir: The Collected Stoies« mit Geschichten von Megan Abbott, Lawrence Block, Joe R. Lansdale, Joyce Carol Oates, Francine Prose, Jonathan Santlofer, Duane Swierczynski und Andrew Vachss, herausgegeben von Jonathan Santlofer und mit einer Einleitung von Charles Ardai aus dem Jahr 2011 — da hab ich das wohl auch gelesen. Wahrscheinlich das Progressivste, was der Videospiele-Entwickler Rockstar je unter die Leuz gebracht hat.

16. Was war dein prägender Verlag?
— Ohne Zweifel der Haffmans Verlag in seiner ursprünglichen Form, mit seinem ›Magazin für jede Art von Literatur‹: »Der Rabe«.

17. Glaubst du an den Kanon?
— Wiederum (siehe Frage 17) erlaube ich mir die Gegenfrage: »Wessen Kanon?«. Freilich ›glaube‹ ich daran, dass es einen Bestand bedeutender, bemerkenswerter und relevanter Werke gibt, die man gelesen haben ›sollte‹, um ein besserer Leser, Schriftsteller oder einfach nur Mensch zu werden. Aber es ist sicherlich Blödsinn, unumstößlich und für alle Zeiten fix bestimmen zu wollen, aus welchen Werken dieser Zirkel sich genau zusammensetzen sollte, denn es ist auch Rücksicht zu nehmen auf die jeweils individuelle Lektüre-Wanderung eines Lesers, und welche Bücher wann für jemanden die förderlichste Seelen-, Verstandes- und Horizont-Erweiterung zu bewirken vermögen.

18. Was ist dein Lesegetränk?
— Was grad da ist um mich sitt zu machen.

19. In welcher Haltung liest du?
— Wach. Meistens sitzend, nicht ganz so oft liegend. Ab und zu auch gehend (vor allem, aber nicht nur, bei Hörbüchern).

20. Auf welchem Gerät liest du E-Books? Mit welcher App?
— iPad, überwiegend Kindle.

21. Lösen Lesebändchen Gefühle in dir aus?
— Anerkennungswertschätzung wegen der Nützlichkeit. Verzückungen überkommen mich erst bei Büchern, die zwei Lesebändchen haben (eins für den Haupttext, eins für den Anhang-Apparat).

22. Nutzt du Bibliotheken, wenn ja, welche?
— Die Bibliotheken meiner Stadt, also seit vielen Jahren der von Frankfurt am Main. Zentrale Stadtbücherei, Unibibliothek und wenn ich sonst an was nicht rannkomme Deutsche Nationalbibliothek. Nicht zu vergessen die Bestände digitaler Bibliotheken. Beispiel gefällig?

23. Was war deine gelungenste Rezension?
— Ich hab ein unentspanntes Verhältnis zu meinen eigenen Texten, bin aber durchaus Stolz auf mein zweiteiliges Portrait »Die wilden Welten von Matt Ruff« (Werksübersicht und Interview), sowie weiterer längerer Rezensionen, die ich für »Magira – Jahrbuch zur Fantasy« von 2003 bis 2010 geschrieben habe.

24. Hattest du schon mal einen Shitstorm, wenn ja, wofür?
— Nicht, dass ich mich erinnern kann.

26. Womit verdienst du dein Geld?
— Als Sicherheitsdienstleistung-Depp der Besucherkärtchen schreibt und Schranken-Knöpfchen drückt. Derzeit in Burnout-Auszeit.

27. Beschreibe das sich wandelnde Image von Literaturblogger*innen
— Die Frage überfordert mich. Ich kann höchstens die Gelegenheit nutzen meiner Sorge darüber Ausdruck zu verleihen, dass es eingedenk der aufmerksamkeitszerstreuenden Social-Media-Gehege, Selbstvermarktungs- und Ausbeutungs-Praktiken, Wohlgeneigtheits-Abhängigkeiten und allgemeiner Blödmaschinenhaftigkeit unserer Konsum-, Wegwerf- und Unterhaltungsgesellschaft nicht leichter geworden ist, den eigenen und allgemeinen Verfall entgegenzuwirken, oder dass diese Rahmenbedingungen für nervöse Kontemplation, rabiate Toleranz und exhibitionistische Introvertiertheit — wesentlichen Vorraussetzungen für hochwertigeres, offenes und gemeinschaftliches Denken und eben auch Babbeln über Literatur — abträglich sind.

28. Schreibe unzensiert die ersten zehn Autor*innen auf, die dir einfallen
— Ich nehm welche, die ich hier bei anderen Antworten noch nicht genannt habe: Neil Gaiman, Annie E. Proulx, Philip K. Dick, Zadie Smith, Neal Stephenson, Molly Crabapple, Thomas Pynchon, Terry Pratchett, Mervyn Peake, Laurie Penny.

29. Was ist für dich 2018 bedeutender: Zugänglichkeit der Kunst oder Autonomie der Kunst?
— Das ist ’ne Fangfrage, oder? Ich beantworte sie, wenn wir die derzeitigen gesellschaftlichen Krisen und Gräben überwunden haben und sich wieder angemessene Musenhaftigkeit eingefunden hat, um sich so einer Frage wirklich ungetrübt widmen zu können.

30. Hast du schon mal mit einer Rezension einem Buch zu spürbar mehr Erfolg verholfen?
— Da ich keine Einblicke in die Verkaufszahlen von Verlagen habe, und mich nicht um Klick- und Trackback-Schmarrn kümmere, ist es mir nicht möglich diese Frage zu beantworten. Ich habe im Lauf der Jahre allerdings einige Rückmeldungen bekommen, dass ausgerechnet ich Leuz den Weg zu bestimmten Büchern gewiesen habe und sie mir zum Teil extrem dankbar dafür sind (was mich sehr durcheinander bringt, weil ich verklemmter eitler Wicht mit Minderwertigkeitskomplex gehörig Probleme mit Komplimenten habe).

31. Besprichst du zu viele männlichen Autoren?
— Welcher Mann tut das nicht? Ich bemühe mich um Besserung.

32. Verdient man beim Bloggen an irgendeiner Stelle Geld?
{lacht prustend}

33. Wie bist du zu molochronik / molochronik reloaded gekommen?
— Zur ›molochronik‹ bin ich gekommen, weil meine damalige Partnerin antville entdeckt hat, und ich ihr (wie oftmals) bei dem Klugen, Schönen und Anregenden das sie unternahm, folgte. — Zu ›molochronik reloaded‹ bin ich erst vor kurzem gekommen, als ich im Zuge eines akuten Burnouts krankgeschrieben wurde (und zum Zeitpunkt, da ich dies schreibe, immer noch bin), und seit Jahren zum ersten mal wieder meine Kreativität produktiv fließt. Da die alte Tante antville leider inzwischen eine für mich ungeeignete Bedien- und Eingabeoberfläche hat, entschied ich mich für einen Neustart bei WordPress.

34. Wer und was bereichert dich im Internet?
— Zuviel.

35. Wer und was stiehlt dir im Internet die Zeit?
— Alles.

36. Welche Funktionen muss ein Internet-Shop für Bücher und E-Books haben, um für dich als Blogger*in interessant zu sein?
— Simpel: Die Bücher liefern zu können, die mich interessieren und die ich haben will, zu einem Preis, den ich mir leisten kann.

37. Welche Funktionen muss ein soziales Netzwerk rund um Bücher und E-Books haben, um für dich als Blogger*in interessant zu sein?
— Für Consulting verlange ich Gegenleistung, also beantworte ich diese Frage erst, wenn eine entsprechende Willensbekundung vorliegt. Grober Trailer: solange der Erwerb einer solchen Plattform vornehmlich auf Werbegeldern oder monetärer Verwertung von Teilnehmer-Daten gründet, kann sie nichts taugen, sondern nur Teil einer Fabrik zur Herstellung von Stupidität, Apathie und galoppierender Ignoranz sein. Und jede Art von Social Media braucht gute, fachkundige Moderation, und die kostet entweder Geld (»Wie macht man in der Buchbranche mit ambitionierten Projekten ein kleines Vermögen? Aaalso, man nehme ein großes Vermögen …«), bzw. verlangt Selbstausbeutung. Aber vielleicht verstellt mir mein pöser Hang zum Pessimismus die Sicht.

38. Zu welchem Shop oder zu welcher stationären Buchhandlung verlinkst du aktuell, wenn du ein Buch oder E-Book besprichst?
— Gar keinen.

39. Was ist deine Lieblingsbuchhandlung?
— Vor Ort: Terminal Entertainment für Comics und Graphic Novels; Karl Marx Buchhandlung für alles andere.

40. Wo kaufst du wirklich deine Bücher und E-Books? Bitte in der Reihenfolge der Frequentierung aufzählen.
— Ich schwacher Konsum-Zombie kauf bei Amazon, allerdings nur Sachen, die sonst zu kostspielig für mich sind (beispielsweise teure Sammelbände von Comics/Graphic Novels, oder ›Art of‹– und andere Pracht-Bildbände).

41. Kommst du aus einem Lesehaushalt?
— Mein Vater ist ein klassischer lesender Arbeiter, der seit ich mich erinnern kann, Krimis, Western, Sachbücher über Natur und fremde Länder und dergleichen ließt. Meine Mutter (im Lauf der Jahrzehnte Tausendsassarin in zig unterschiedlichen Jobs und Hausfrau und Mutter/Oma ist) hat die größte Sammlung an Kochbüchern aller erdenklichen Art, die ich je gesehen habe.

42. Wenn du Verwandte unter 18 hast, lesen diese?
— Soweit ich weiß nicht. Wenn dann nur für die Ausbildung oder den Job.

43. Geschätzte Lesezeit in Stunden pro Tag?
— Im Durchschnitt um die zwei bis vier Stunden. Oftmals lese ich nebenbei, während Musik oder Dokumentationen/Audiokommentare laufen.

44. Unterscheidest du heimlich zwischen gutem Bücher- und schlechtem Social-Media-Lesen?
— Nö, ich treffe diese Unterscheidung unverblümt ganz offen.

45. Liest du genug Bücher?
— Ich lese wahrscheinlich zu viel und sollte mehr aus dem Haus und unter Leuz. Auf jeden Fall lese seit vielen Jahren mehr als gut für mich ist.

46. Hast du in den letzten Jahren Probleme, dich auf Bücher bzw. überhaupt längere Texte zu konzentrieren?
— Kommt auf die Texte an. Bei umfangreicheren Büchern mach immer schon gern mal Pausen, auch längere.

47. Auf wem oder was liegt deine literarische Hoffnung?
— Ich leb derzeit alleine, also lieg ich auf niemanden. Ich habe aber in den letzten Jahren begonnen, mich vermehrt darum zu bemühen, Autorinnen zu lesen und z.B. die oben (siehe Frage 28) genannten Frauen haben meine Lektüren ungemein bereichert. Ich bewundere es, wie die jüngste Welle feministischen Schreibens verschiedenste extrem wichtige Impulse geschickt miteinander verflicht: Frust und Wut Ausdruck verleihen, Kritik an der Kaputt- und Niederträchtigkeit der patriarchalen Weltordnung üben (unter der auch Männer leiden), sich unverzagt für eine bessre Welt einsetzen, die von den Siegern geschriebene Historie korrigieren ect. pp. ff.. Ja, all das macht mir durchaus Hoffnung.

48. Welche Literatur-Preise sind noch relevant?
— Müsst ich länger nachdenken, aber ich achte nicht wirklich auf Literatur-Preise. Oh, doch! Ich lese gerne das kurzweilige Geschnatter, zu dem sich einige geistreiche Menschen während des Klagenfurter Wettlesens hinreissen lassen.

49. Sollte man, um Autor*in zu werden, an einem Literaturinstitut studieren?
— Wenn man sich in noch größere Gefahr begeben will, sich Stil und Denke zu versauen, als dies ohnehin schon der Fall ist: Ja.

50. Welche Monetarisierungsmöglichkeit für Blogs erscheint dir am passendsten und realistischsten?
{Grinst verlegen und zuckt die Schultern}

51. Gibt es Kontexte, in denen du nicht erzählst, dass du Blogger*in bist?
— Meistens: beim Einkaufen, wenn ich in ‘nem lecker Eis-, Halal-Baguette, Thai- oder Döner-Geschäft Essen bestelle usw..

52. Die besten drei Literaturblogs außer Deinem?
— Meine Blogs sind eh nicht sooo dolle. Hier aber drei Blogs die mir einfallen, die sehr interessante Ansätze verfolgen:

  • Auch wenn nirgendwo ›Blog‹ steht, wird »The Dark Mountain Project« (@darkmtn bei Twitter), soweit ich sehe, mit einer Blog-Obertfläche (ich glaub WordPress) betrieben und lässt sich auch so lesen und sogar kommentieren. Beispielsweise die Essay-Sammlung »Rewilding the Novel« ist ungemein spannend.
  • »The Untranslated« (@TheUntranslated bei twitter) kümmert sich um Literatur, die es (noch) nicht auf Englisch gibt, und fördert damit für mich immer wieder erstaunliche Gemmen zutage (eine der wenigen Seiten im Netz, wo ich etwas Kluges über meinen vergessenen Helden Giorgio Manganelli gefunden habe). Der oder die Betreiber*in pflegt z.B. das ergiebigste, zugänglichste und beständigste mir bekannte »Zettel’s Traum«-Leseprotokoll (nach der Übersetzung von David E. Wood). Was sagt das über die deutsche Blog-Landschaft (oder meine Kenntnis derselben)? — Die Art, wie z.B die »Zettel’s Traum lesen«, oder das vom Suhrkamp Verlag selbst angestoßene »schauerfeld« kläglich im Sande versickert sind, ist ein Musterbeispiel für die Verzagtheit, Diskussions-Unfähigkeit und allgemeine Befangenheit unserer Literatur-Szene.
  • Und langfristig am treuesten bin ich »Arts & Letters Daily«, quasi einer englischsprachigen Version des Perlentauchers. Ist aber, was wohl der Größe des Sprachraums geschuldet ist, eben deutlich ergiebiger für mich, als etwaige deutsche Seiten.

53. Liest du ein Feuilleton, wenn ja, welches?
— Ich les querbeet alle möglichen Feuilletons die ich in die Bratzen bekomme. Ich lese dabei oftmals kopfschüttelnd und/oder resignativ seufzend.

54. Was versuchst du, Lesenden in deinen Texten zu vermitteln?
— Abgesehen davon, dass ich seit über 30 Jarhen an einer eklektisch-extenzischen Großraumphantastik-Philosophie bossle? Freude am Lesen und ziellosem Erkunden und wonniglichem Sich-Verirren und -Wiederfinden. Mut machen zum In-Frage-Stellen und Überschreiten und Überbrücken von vermeintlich heiligen Grenzen zwischen U und E, realistisch und phantastisch. Und nicht sauer zu sein, wegen meiner notrischen Tippfehler-Schwäche und zugegeben verquast-überspannten Denke.