Sydney Padua: »The Thrilling Adventures of Lovelace & Babbage«, oder: Auf zur Differenz-Maschine!

Interesse an den geschichtlichen Wurzeln der Computertechnologie und des Programmierens? An Mathematik, Kybernetik und Technikgeschichte? Am sozialen Leben von Nerds, Erfindern, unkonventionellen Individualisten in der frühen Viktorianischen Epoche? An Problemen zur historischen Quellenkunde und wie man sich der (menschlichen) Wahrheit anhand von Überlieferungen annähert? An Gedankenspielen und Alternativ-Universen? — Dann auf, und rann an dieses Buch.

Wie es Sydney Padua gelingt (a) scheinbar ganz lässig einerseits ›einfach nur‹ lustige Cartoons zu bieten, und (b) durch Anbringen von Fußnoten (die auch wieder Fußnoten haben können), Endnoten und einem umfangreichen Anhang mit extrem gut verständlichen Sachkunde-Ausflügen zu vermengen, und dann (c) die eigene Rolle als begeisterte Amateur-Biographin-Historikerin zu reflektieren, ist atemberaubend.

Entsprechend ist es schwer für mich, meine Begeisterung für den meisterlich umgesetzten Stoff und die gewitzte Autorin/Zeichnerin auseinanderzuhalten. Sydney Padua ist eine dieser einnehmenden, aufgeweckten Personen, die ihr Herz und Ideengestöber scheinbar stets auf der Zunge spazieren führen — und dass sie sich dabei selbst köstlich auf den Arm nimmt, macht sie nur sympathischer. Eigentlich verdient sie ihre Brötchen als Animatorin und Visual FX-Artist (u.a. für »The Iron Giant«, »The Golden Compass«, »John Carter of Mars« und jüngst in der Neufassung von »Das Dschungelbuch«) und stolperte in eine Karriere als Comiczeichnerin, weil eine Kumpanin sie für den Ada Lovelace Day 2009 um einen Cartoon gebeten wurde. Wer sich mit der historischen Entwicklung von Computern auskennt (oder Science Fiction- und Steampunk-Leuz, die »Die Differenz Maschine« von Bruce Sterling und William Gibson mögen) wissen meist zumindest vage, wer Ada Lovelace war.

Fünf längere Cartoons bietet der Band:

  1. Die Vorgeschichte von Ada Lovelace und Charles Babbage, und wie ein Trottel von der Zeitstrang-Polizei versehentlich ein Alternativ-Univerum kreiert, in dem die Lebenswege von Lovelace und Babbage nicht so tragisch verliefen wie in der tatsächlich stattgefunden haben Wirklichkeit, und in der aus der ›Difference‹– bzw. ›Analytical Engine‹ mehr wird, als lediglich Pläne und Teil-Prototypen;
  2. Die junge Königin Victoria besucht das Erfinderteam, welches versucht, ihr die Maschine zwecks finanzieller Förderung schmackhaft zu machen, u. a. als Mittel um die Weltherrschaft zu erlangen und Verbrechen zu bekämpfen (wobei für Ada — aufgrund ihrer Kindheit als Tochter des berüchtigten Lord Byron und ihrer damit verbundenen, mutmaßlichen Anfälligkeit für Wahnsinn — ›Poesie‹ als Verbrechen gilt, während Babbage allen nervigen Straßenmusikern Londons den Kampf erklärt hat);
  3. Wirtschaftskrisen und Pleitebanken gefährden die Gesellschaftsordnung, also bauen Ada und Charles eine Maschine, um die wirtschaftliche Entwicklungen zu prognostizieren (mit einem fulminanten Gastauftritt von I. K. Brunel);
  4. Die ›Analytical Engine‹ soll ein für alle Mal Rechtschreibfehler merzen (mit kleinen Gastauftritten von Charles Dickens, Wilkie Collins und Thomas Carlyle), und bei einem Testlauf verirrt sich eine ganz putzig portraitierte George Eliot, aka Marian Evans, in den Eingeweiden der riesigen Maschine;
  5. Ada ist von der Idee Imaginärer Zahlen fasziniert und macht eine »Alice im Wunderland«-artige Reise in ihre eigene Psyche, bei der sie über die Verwandtschaft von Mathematik und Poesie nachdenkt (mit einem Gastauftritt von Lewis Carroll).

Dazwischen gibt es immer wieder kleinere Cartoons z. B. wie Babbage anhand einer seiner Statistiken Maschinenstürmer davon überzeugt, dass Maschinen gar nicht sooo böse sind; oder wie fatal es für den Logiker George Boole ist, nur mit »Nein« und »Ja« auf die Bewirtungsfragen des Dieners von Babbage zu antworten.

Am meisten Respekt gebührt Padua allerdings dafür, wie tief sie in den historischen Quellen — Briefen, Biographien, Büchern mit Klatsch und Tratsch der Epoche — geschürft hat, um zig unglaubliche Details zu finden.

Mein persönlicher Favorit: Während Ada beim Besuch der Queen in die Machinen-Innereien aufbricht, um einer Fehlfunktion nachzuspüren, gibt sich Babbage Mühe, die Königin abzulenken zu unterhalten.

»Erzähl bloß nicht die Geschichte mit dem Käse!«, denkt sich Ada noch.

In ihrer Fußnote erklärt Padua dann, dass sich Babbage eine frühe SF-Story ausgedacht hat, über kleine Wesen, die in einem sich ausweitenden Universum leben. Es entpuppt sich dann, dass die Wesen Käsemilben und das Universum ein Käse ist. Und publiziert hat Babbage das als Sprengsel seiner Biographie. Und in einer weiteren Fußnote führt Padua weitere Käsemilben-Geschichten auf, Satiren und Gedichte u.a. von Arthur Conan Dolye dem Erfinder von Sherlock Holmes.

Sydney Padua_Lovelace and Babbage_The Cheese Story.JPG

Vollends haben sich dann meine Augen staunend geweitet, aufgrund der Hingabe und dem Vermögen, mit dem Padua etwas so irr Komplexes und Wahnwitziges anschaulich zu erklären vermag, wie die mechanischen Computer aus Zahnrädern, Schneckenwellen, Hebeln, Lochkarten und tausend anderen pfiffigen Vorrichtungen, die Babbage erfunden, und für die Lovelace 1843 (!!!) die ersten Programme geschrieben hat. Immerhin: das ist ein vollwertiger Computer, den man mit einer Kurbel bedient! — Hier ein Beispiel aus Paduas Blog (Katzen jagen die Mäuse, die in den Rechengetrieben der Maschine sonst für Fehler sorgen würden), und der ganze Blogeintrag.

Berührend fand ich, wie dieses Comic-Sachbuch-Wunderding mit großer Anteilnahme erzählt, was für eine außergewöhnliche Freundschaft Lovelace und Babbage verbunden hat. Beide waren komplizierte, schwierige Menschen, selbst in einer an Exzentrikern reichen Epoche wie dem frühen 19. Jahrhundert. Doch Ada war die einzige Person, die tatsächlich begriffen hat, was für eine mathematische, informationstechnologische und damit gesellschaftliche Revolution die Maschine von Charles in sich barg.

Fazit: Charmantes, lehrreiches, unterhaltsames, lustiges und schlaues Wunderbuch. Sprichwörtlich eine eierlegende Wollmichsau. — 5 von 5 Sternchen von mir bei Goodreads, und aufgenommen in die edle Schar meiner Allzeit-Lieblinge.

Zudem: Wieder einer dieser Titel, dem ich die Daumen drücke, dass ein deutscher Verlag seinen Mumm zusammenkratzt, um ihn auch deutschen Lesern und vor allem jungen Leserinnen zugänglich zu machen. Kommt schon. Das Buch ist mittlerweile vier Jahre alt! Ich stünde als Übersetzer oder Berater bereit.

Most important: Thanx to Nick Harkaway who recommended this gem in his blog and on goodreads. FULL OF WIN!


Padua, Sydney: »The Thrilling Adventures of Lovelace & Babbage«; Zehn Kapitel und zwei Sach-Anhänge auf 317 Seiten; Gebundene US-Ausgabe mit Schutzumschlag; Pantheon Books, 2015. Auch als eBook erhältlich.

Jahresrückblick 2018: Games

Eigentlich hatte ich folgende Kompakt-Wertungen für den gemeinsamen »Polyreuxblick 2018« geschrieben, aber ›Dank‹ (bitteres »Har har har«) meiner zerschossenen geistigen Verfassung seit meinem (vulgo) Burnout-Nervenzusammenbruch vom 07. November 2018 habe ich mich noch während des gemeinsamen Lektorates von allen Tätigkeiten bei Polyneux zurückgezogen … wofür die lieben Kameradinnen von Polyneux absolut nix können. Ich hab — um die Worte meines Lieblings-Hobbit Bilbo Beutlin zu borgen — gemerkt, dass mir für das große Brot ›gemeinsames Kreativieren und Gehirnstürmen‹ zu wenig Seelenbutter zur Verfügung steht.

Ich möchte euch herzlich dazu ermuntern, dem obigen Link zu folgen, um zu genießen, was (Nennung in alphabetischer Folge) Chris, Christian, Doreen, Jannick, Le Don, Pascal, SpielerZwei, Urs, Volker, Zwerg-im-Bikini zu (wenn ich mich nicht verzählt habe) 78 Spielen Sinnreiches, Flappsiges, Provokatives, Lakonisches, Begeistertes zusammengetragen haben.

Anders als bei den noch ausständigen Rückblick-Bestenlisten zu Büchern/Graphic Novels, Filmen und TV/Stream-Sachen habe ich hier bei den Spielen die Polyreuxblick-Tradition der Pokal-Ehrung der (für mich!) drei besten Spiele übernommen. Der Rest folgt dann in alphabetischer Reihe.


Gorogoa — GOLD

»Gorogoa« ist ein feines Beispiel für die Potentiale eines zarten Genres, das ich ›Game-Poetik‹ nennen möchte (»Journey«, »Virginia« und »Inside« fielen mir noch als jüngere Beispiele ein), wenn bewußt Text und Sprache ausgespart bleiben, und ein Spiel seine Story nur mittels Bild, Ton, Räumlichkeit, Bewegung und Relationen all dieser Dinge zueinander wuppt. Wie man bei »Gorogoa« von einer wunderschönen 2D-Zeichnung in die nächste den Weg durch verschiedene ineinandergeschachtelte Szenen finden muss, und wie Motive durch Schieben, Vergrößern und Verkleinern, Hinaus- und Hinein-Zoomen verbunden oder gegenübergestellt werden und sich dabei Sinn-Harmonien und Bedeutungs-Kontraste ergeben, und wie sich dadurch Zusammenhänge drastisch ändern, die Grenzen der Raum-Zeit magisch überwunden werden können … all das hat mich zutiefst beeindruckt und berührt. Für diese fast im Alleingang von Jason ›Jake‹ Roberts (auf Twittrer @rebuscube) hingezauberte Mischung aus Bildergeschichte, bewegtem Comic und Puzzle-Spiel über Erinnerung, Kindheit, Jugend, Alter, Sehnsucht, Enttäuschung, Trost, Krieg, Krankheit, Trauma, Glaube, Liebe, Hoffnung geb ich ohne mit der Wimper zu zucken Gold als mein liebstes Spiel des Jahres 2018.

Tacoma — SILBER

Als jemand, der bei seiner Rezeption von Weltenbauten der Genre-Phantastik (in diesem Fall Science Fiction) gerne das knatternde Banner der SJW-Relevanz hochhält, bin ich sehr dankbar, dass »Tacoma« im Mai 2018 endlich auch für die Konsole meiner Wahl, also die PS4, erschienen ist. Es ist geradezu eine Wonne, wie hier in einer Kombo aus Theater-Voyeurismus- und Erkundungsspiel die Geschichten von Crew-Mitgliedern einer Raumstation während eines lebensbedrohlichen Notfalls erzählt werden. Die Fülle an Problemlagen aus den Bereichen Arbeits- und Unternehmenskultur, Auf und Ab von zwischenmenschlichen Beziehungen, Finanz- und Gesellschaftspolitik, die auch uns Zeitgenossen in der tatsächlichen stattfindenden Echtwelt umtreiben, sowie typischer SF-Themen wie der Schaffung und Bewahrung von Lebensräumen in den harschen Bedingungen des Weltraums, oder Faszination und Skepsis bei der Begegnung von organischen mit künstlichen AI-Persönlichkeiten hat mich nachhaltig beeindruckt. Und dann ist das alles auch noch derart gut geschrieben und geschauspielert, mit Liebe zum Detail gestaltet und clever konstruiert, dass mir die Verleihung des Silber-Pokals leicht von der Hand geht.

The Council — BRONZE

Hab ewig und drei Tage gebraucht um bei diesem Spiel über die erste Episode hinaus weiterzukommen, weil ich schnell arg eingeschüchtert werde von ernsthaft durchgezogenen Möglichkeitsräumen mit ihren ›Machst’de das eine, kannst’ste das andere nicht (mehr) machen‹-Konsequenzen, vor allem, wenn diese teilweise vom geschickten oder eben verpeilten Manövrieren durch komplexe Dialog-Duelle abhängen. Als Bücherwurm und Kultur-Fuzzi bin ich enthusiasmiert, dass es beim RPG-Aspekt so Charakter-Skills wie ›Etiquette‹, ›Linguistik‹, ›Politik‹ oder — wait for it — ›Belesenheit‹ gibt, und (alter Schwede!) einige der umfangreicheren Puzzle-Strecken schicken den Spieler in einschüchternd auschweifende Info-Labyrinthe … und dann erst die Expositions-Marathons (ich mag sowas, weil ich nicht an »Show, don’t tell« glaube)! »The Council« spielt sich (selten) etwas sperrig und hat (noch seltener) Grafik- & Klangausgabe-Schwächen (auf der PS4 Pro), aber das verzeihe ich gerne angesichts der Ambition, einen feinen Murder-Mystery-Intrigen-Horror-Garn erwachseneren Spielern (die es gern ein bisschen kniffliger mögen) aufzutischen. »Bitte mehr solche Spiele«, soll mein Bronze für »The Council« signalisieren ÷ gerne z.B. mit (Achtung: Gedankensprung) zotigen Slapstick-Humor für ›ab 16‹ mit solchen Klassikern wie »Der Partyschreck« als Vorbild.


Assassin’s Creed Odyssey

Spielfigur Kassandra verleiht »Assassin’s Creed Odyssey« für mich genau jene dringend nötige emphatische Würze aus Ironie, Stolz, Anteilnahme und lausmädeliger Ungehobeltheit, um das ganze narrative Soufflé aus Schicksal und Übermenschentum im mythisch-antiken Griechenland nicht zur nervigen Historien-Fantasy-Pampe zusammenfallen zu lassen. Wenn sogar Akademiker — vor allem Altertumsgelehrte und Archäologen — für ihr Geplauder über Wohl und Weh der im Spiel geleisteten Rekonstruktion von Stätten, Kunst, Alltagsleben und Prominenz sogar ein eigenes Hashtag (#ACademicOdyssey) prägen, nehm ich das als Indiz, dass Ubisoft endlich mal wieder mehr richtig als schludrig gemacht hat. Bin inzwischen ca. zu 3/4 durch und extrem begeistert von (nach dem Ägypten-Vorgänger »Assassin’s Creed Origins«) der zweiten Phase Rundumerneuerung dieser kunterbunten Open-World-All-Inclusive-Touristik (inkl. Schlachtfeld-Mosh-Pit, Seeschlacht-Pogo, Kopfgeldjäger-Watschentanz und ständiger Angst vor aggressiven Hühnern und Wildschweinen), dass ich um ein Haar Bronze verliehen hätte.

Detroit: Become Human

Nachdem ich meinen ersten Durchgang mit maximalem Gutmenschen-, ähh, Gut-Andro-Gynoidentum absolvierte, würde ich »Dertoit: Become Human« eigentlich wahnsinnig gerne noch mindestens einmal mit höchstmöglichem Arschlochfaktor angehen wollen, allein … oh weh! … der zumeist zähe Habitus des Spieles lässt mich zaudern. Obwohl ich vielen Ambitionen der Macher von Quantic Dream prinzipiell mit großem Wohlwollen begegne, kann ich die fundamentale Behämmertheit von allzu vielen Einzelheiten nicht schönreden. Trotzdem fände ich es reizvoll, z.B. mal unter die Lupe zu nehmen, was man als Spieler alles wie manipulieren kann (vom Geschirrspülen, über Ausgestaltung von Protest-Aktionen, bis hin zu welcher Journalist bei einer Pressekonferenz wann ‘ne Frage stellen darf) und was das dann eigentlich genau bedeuten/vermitteln soll. Überhaupt: »Was soll das alles? Warum?«, und vor allem: »Hä?!?!!« — Dennoch ein Titel, bei dem allein schon das krasse Hin- und Her zwischen unfreiwilliger Peinlichkeit und gelungener inszenatorischer Wucht für anregende Kurzweil sorgt, wenn auch sicherlich nicht durchwegs im Sinne der Schöpfer.

Far Cry 5

Alles übern Haufen ballern: FUN! Alles mögliche in Flammen aufgehen lassen, oder wegsprengen, oder in Fetzen karambolen: FUN! So weit, so effektiv primitiv. Yo, ich hatte viel Rambazamba mit der Landschaft, den Sammelaufgaben, den verschiedenen sportlichen Herausforderungen (am besten: Clutch Nixon Stunt-Missionen!!!), hab mich beim Jagen und Fischen entspannt, fand ’n ganzes Büschel (vor allem Neben-)Missionen erstaunlich amüsant und pfiffig, und konnte dem Soundtrack (vor allem den Songs »Help Me Faith« und »Oh the Bliss«), sowie groben Zügen der narrativen Konzeption durchaus einiges abgewinnen (insbesondere der Ideologie-Kritik anhand der Regions-Boss-Trias: ›Täufer‹-Sadist, Drogen-›Sirene‹, Menschenjäger-›Soldat‹). Das Buddy-Gameplay mit echten Menschen war ›Dank‹ Glitches stets schnell vorbei. Das Ausleben von Allmachts-Phantasien mit KI-Mensch-, -Spezialisten- und (am besten) -Tier-Begleitung aber dafür um so zünftiger. Und doch hab ich nur ca. 4/5 von »Far Cry 5« durchgespielt, bevor es im Desinteresse-Sumpf meines Gemüts, bzw. gebraucht verkauft Richtung eines Arbeitskollegen verschwand. Enttäuschend, dass die Entwickler nicht die Eier hatten ihre zahlreichen brillanten Ansätze für eine wahrhaft unerschrockene Bespiegelung der gegenwärtigen Mutationen und Monstrositäten des ›American Dream‹ voll durchzuziehen, und sie stattdessen das meiste mit einer pappigen Soße zynischer ›I did it for the lulz-YOLO!‹-Ironie zugekleistert haben.

God of War

Große Freude meinerseits zu erleben, was dabei herauskommt, liebe Haudraufinnen und Haudraufe, wenn Games-Entwickler sich selbst weiterentwickelt haben: Keine laszive ›Tits and Ass‹- und ›krass um der Krassheit willen‹-Inszenierungen mehr, dafür ausgereifte Mainstream-Brachialität mit bisweilen erfrischend nachdenklichen Noten. Obwohl das Plot-Gerüst episodisch (klassisch!) vorhersehbar ist — »Hold dies, hold das, sonst geht die Tür nicht auf« — und etwas ungelenk zwischen linearer und Open-World-Struktur rumeiert, erzählt »God of War« mit seinem kleinen Figurenensemble eine meist amüsante, ja sogar berührende ›Wenn der Vater mit dem Sohne‹-Geschichte. Zudem: Daumen hoch von mir für die ›Ein Herz für Riesen‹-Auslegung der nordischen Mythen, und dass diese womöglich auch nur überwiegend von Siegern geschriebene Selbstbeweihräucherungen sind. Präsentation und spielmechanischer Unterbau mögen backtrackende Komplettisten auf dem Weg zur Platin-Trophäe hie und da zwar mit Längen nerven, doch abgesehen davon wird dieses ›Midgard a la Las Vegas‹ prächtig dargeboten (allein schon die Massage durch das kraftvoll-derbe Bassgewummer ist eine Wonne). Das Einzige, was mich wirklich wurmt: abgesehen von komplett neu beginnen bzw. New Game Plus gibt’s keine Möglichkeit, die geilen Weltenriss- und Walküren-Kloppereien für wiederholten Genuss anzusteuern. Ansonsten: ich freu mich auf weitere Abenteuer mit Kratos und Companions.

Mehr von mir zu Spiel zusammen mit Kammeradinnen Christian, Urs, SpielerZwei und Doreen im »God of War«-Polytalk.

Marvel’s Spider-Man

Praktisch alle sind sich einig, daß »Marvel’s Spider-Man« als Adaption seines Quellmaterials ›mit Liebe gemacht‹ ist. Neben »God of War« ist es in Sachen ›besser als Kino!‹-Präsentation und Zugänglichkeit der Allmacht-Auslebungs-Prügelorgien — sprich: mit wild Knöpfchen drücken und Verwendung von Sonderfertigkeiten kommt man locker, wenn auch etwas stumpf und eintönig durch die Haupt-Story — sicher eine der Showmanship-Wummsbrummen des Jahres, und vom Herumschwingen kann man nicht genug bekommen. Auch wer’s anspruchsvoller-kniffliger mag, wird reichlich bedient im Hauptspiel und erst recht in der DLC-Trio »The City That Never Sleeps« mit herausfordernden Neben-Missionen. Für mich am Überraschendsten: das Flair von Spidy ist doll, wenn man reinkippen kann. Positiv, optimistisch, verantwortungsvoll, willensstark, aber auch vorlaut (wer derart kindhafte Kalauer pflegt, kann kein schlechter Kerl sein), unbedacht, tollpatschig, bisweilen treu-doof (Hundeblick … awwwh), womöglich der mainstreamigste, populärste Softcore-Posterboy des grazil-triumphal inszenierten, jugendlichen Männerkörpers und als freundlicher Nachbarschafts-Community-Helferchen mit Herz ein um Längen willkommenerer Superhelden-Übermensch als irgendwelchen tragisch-düsteren Rächer. — Wegen einiger kleiner aber sehr nerviger Macken (»Sie verlassen das Missions-Gebiet!«) und größtenteils schwacher Boss-Kämpfe leider kein Pokal von mir.

Mehr von mir zu Spiel zusammen mit Kammeradinnen Christian, Pascal und SpielerZwei im »Marvel’s Spider-Man«-Polytalk.

Ni No Kuni 2: Revenant Kingdom

Am liebsten würd ich zu »Ni No Kuni 2« einfach nur verbittert schweigen, weil es die größte Enttäuschung für mich war, seit ich Playstation-Pfadfinder bin. Vom ersten »Ni No Kuni«war ich ja hellauf begeistert und ich sehne mich sehr danach, endlich mal die Zeit zu finden es nochmal anzugehen (hab damals meinen Speicherstand von ca. 70% bei einem Wechsel von kaputter zu neuer PS3 verbaselt). Bei »Ni No Kuni 2« hat mein entsprechend vorhandener Begeisterungsvorschuss, trotz der überraschend wuchtigen Eröffnung, bereits im Tutorial heftigen Schwund gelitten. Ich wurde mit den beiden ersten Spielerfiguren nicht warm. Ich vermisste ein magisches Buch (egal ob echt oder nur digital), in dem ich mich orientieren könnte, wenn mir die riesige Grabbelkiste der Features, Menüs, Items, Viecher usw. zu viel wurde. Die Kämpfe forderten mich kaum heraus. Der erste größere Erzählstrang (Aufdecken von hintertückischen Manipulationen in einer Kasino-Stadt) erschien mir ungelenk wie geht nicht mehr, und ich war fassungslos, wie lahm ich das erste Schlachten-Minispiel fand. Anhand von ständigen Ladebildschirmen, mittelmäßiger Story, nicht enden wollenden Repetitionen immer gleicher Aufgaben war ich derart gelangweilt, dass auch die bezaubernde Präsentation aus wunderschönem Studio-Ghibli-Zeichentrick- und Musik-Stil meine Geknicktheit nicht glätten konnte. Hab das Spiel dann wieder verkauft.

Red Dead Redemption 2

Je älter ich werde, desto widerlicher finde ich Humor, weite Teile der Figuren-Charakterisierung und Handlungsbögen, die Publisher Rockstar Games von Anbeginn an als zentralen Bestandteil seines Alleinstellungsmerkmal-Portfolios sorgfältig hegt. Dabei habe auch ich mich einst bei »Bully« (»Cave Canem Edit«) und »GTA: San Andreas« vom besonderen Charme, den Rockstars schwarzhumoriger Nihilismus an haarsträubenden und schadenfrohen Krassheiten zu bieten vermag, noch weitestgehend vorbehaltlos hinreissen lassen. Und ich rechnete es dem Studio hoch an, wie es sich bei »GTA IV«, »Red Dead Redemption« und »L. A. Noire« merklich bemühte, sein Spektrum an Affekt-Reizung um ernstere, reflektiertere und zartere Facetten zu erweitern. Doch der kolossale Erfolg von »GTA V«, und damit die Bestätigung, dass sich die meiste Kohle scheffeln lässt, wenn man volle Pulle der kulturindustriellen Blödmaschinen-Rezeptur ›Gebt dem Affen Zucker‹ folgt, begrub diese empfindsameren Ansätze größtenteils (man findet sie bei RDR2 am ehesten noch bei der Liebe für Details bei der Natur-Inszenierung). Obwohl für mir nun RDR2 bei weitem nicht so verachtungswürdig dünkt wie »GTA V«, trübt meiner mittlerweile gereifteren Sensibilität geschuldeter Argwohn dazu, aus welcher Perspektive man ermuntert wird über was (hämisch) zu lachen meine Unbeschwertheit. Hinzu kommen: eine Steuerung, die ich nur als spektakulär unbeholfen bezeichnen kann, ein ewig ödes Herumreiten von A nach B, sowie eine derartig einschüchternde Masse an überwiegend folgenlosen Kleinkram die RDR2 über seinen Spielern ausschüttet, dass ich allen gutmütigen Willen aufbringen muss, die durchaus köstlichen Aspekte, die es ja gibt, nicht zu übersehen. Derweil trödle ich immer noch irgendwo im Gebiet des ersten richtigen Camps herum, werde aber für meine kommenden RDR2-Sessions einem willkommenen Rat von Polyneux-Kameradin Doreen (aus dem internen Forum) folgen, und mich so lange dem ruhigen Genießen von Naturschönheit beim Jagen und Fischen hingeben, bis ich mich entspannter der beeindruckenden Gesamtleistung, die RDR2 zweifelsohne auszeichnet, widmen kann.

Shadow of the Colossus HD-Remastered

Um anzudeuten, warum »Shadow of the Colossus« schon in seinen vorherigen Versionen auf der PS2 und PS3 berechtigterweise als maßstabsetzendes Meisterwerk gilt, ist eine extra Erklärbärerklärung durch mich unnötig. Die HD-Remastered-Version für die PS4 bietet genug spieltechnische Neuerungen (Sammelgegenstände!) um einen mit dem Inhalt vollumfänglich Vertrauten bei Laune zu halten. Und was Bluepoint Games bei ihrer optischen Politur aus der ohnehin hübschen SOTC-Welt gemacht haben, raubte mir vor erhabener Entzückung schier den Atem. Den einzigen Kritikpunkt, den ich anbringen kann: leider wurde darauf verzichtet auch die Musik entsprechend aufzupimpen und entsprechend des heutigen Standes der technischen Möglichkeiten mit sattem Orchester-Klang neu einzuspielen. Trotzdem werde ich, wenn ich des besonderen Trostes und der meditativen Besinnlichkeit bedürftig bin, mit denen einen dieses Spiel beschenken kann, SOTC mindestens noch so oft einlegen, bis auch ich Platin habe.

 

»Kanaillen-Kapitalismus« von César Rendueles

Spontan gekauft, weil mir der Titel sofort einleuchtete. Wer mit mir länger als fünf Minuten über Tatsächlichkeiten heutiger Arbeitswelten, oder das drangsalierende Verwaltetwerden der Vielen durch die Wenigen babbelt, kennt meinen Spruch: »Wir werden nicht artgerecht gehalten!«

Will man halbwegs nachvollziehen, warum der Menschenzoo des industriellen Kapitalismus so mittelprächtig eingerichtet ist, sollte man mindestens auf die letzten 30 Jahre neoliberaler Kaperung (»Take what you can. Give nothing back!«) der demokratischen Gemeinwesen, sowie Gedankenwelt-Verseuchung durch Werbung und Ausbeuter-Ideologie, besser noch auf die letzten vier- bis fünfhundert Jahre psychopathischer Aneignung und Knechtung des Globus durch heilsgeschichtlich überdrehte Glücksritter und paranoide Freimarkt-Fanatiker zurückblicken. — Der metaphorische Rückgriff auf das Schimpfwort ›Kanaille‹ erscheint mir passend, und ich mag die Umwendung der Klassen-Zuordnung. Ursprünglich wurden als ›wilde, verwahrloste Hundemeuten‹ (Franz. ›canaille‹ => Ital. ›canaglia‹ => Lat. ›canis‹ für ›Hund‹, siehe auch ›Hundsfott‹, ›Hundesohn‹ bzw. das Englische ›son of a bitch‹) herumziehende, keinem lokalen Gemeinwesen verpflichtete, zwielichtig-schurkische Menschengruppen niederen Standes bezeichnet. Für mich nicht weit hergeholt, jetzt eben die wirtschaftliche ›Mover & Shaker-Elite‹ so zu nennen, jene globetrottenden Dauertelefonierender, die stets auf der Suche sind nach Beute, die sie profitwirksam zerlegen können. Martin Scorsese hat einen verstörenden Film über diese ›Wölfe‹, deren programmatische Vordenker sich gern als ›Hütehunde des rationalen Haushaltens‹ gebärden, gedreht.

Tatsächlich bietet der 1975 geborene spanische Soziologe César Renduelesweitestgehend, denn ich glaube, bei den letzten beiden der sieben Kapitel ist ihm bei ein wenig die Puste ausgegangen — unter anderem genau zu diesem Komplex eine wendige Umdeutung der herrschenden Auslegung an, wenn er berichtet vom (1) historischen Ausnahmecharakter der allgemeinen Marktwirtschaft, (2) dem Entstehen des Arbeitsmarktes aus den grauseligen Praktiken der Sklaverei und Straflager, (3) der Struktur der politischen Konflikte im 19. Jahrhundert, (4) den Ursprüngen der für die Industrialisierung typischen Arbeitsorganisation, (5) den katastrophalen Entladungen aufgestauter Spannungen im frühen 20. Jahrhundert, (6) den Sackgassen des Wohlfahrtsstaates der Nachkriegszeit und schließlich (7) den gegenwärtigen Anerkennungs- und Rechtfertigungs-Schwund ökonomischer und politischer Institutionen der Gegenwart, sowie sich abzeichnender möglicher Fluchtwege.

Kurz: eine Buch gewordene Granate, die geeignet ist, ein paar schöne Aussichtslücken in die von Siegern und Gewinnlern errichteten ›there is no alternative‹-Begriffs-Labyrinthe zu sprengen. Ein willkommenes Unternehmen für mich, denn

die herrschenden Klassen {haben sich im Lauf der Geschichte} immer wieder durch ihre armselige, politische Vorstellungskraft ausgezeichnet. (S. 13)

Vorstellungskraft der Herrschenden! Wie es auch bei anderen soziologischen, politischen oder geschichts- & geisteswissenschaftlichen Sachbüchern der Fall ist, begeistert mich »Kanaillen-Kapitalismus« durch eine Aufmerksamkeit und Aufgeschlossenheit für den Themenkomplex rund um Ideenwelten, individuelle und kollektive Phantasien — kurz: für etwas, was ich seit einigen Jahren versuchsweise ›Großraumphantastik‹ nenne — an der sich z.B. Schleusenwärter der hiesigen literarischen, dramaturgischen oder überhaupt künstlerisch-feuilletonistischen Milieus ein Beispiel nehmen könnten.

Überhaupt: ich empfehle dieses Buch ausdrücklich auch als literarische Lektüre, nicht nur, wenn man die eigene holistisch-argumentative Rüstklasse gegen Apologeten einer

Geschichte der Moderne {die} in erster Linie eine Chronik der Unterwerfung des gesellschaftlichen Lebens unter Marktbeziehungen {ist} (S. 24)

hochleveln will, sondern auch, weil sich »Kanaillen-Kapitalismus« wie ein Roman lesen lässt, bzw. entsprechend allen, die selbst schreiben, zur lehrreichen Beherzigung für die Expositions-Aspekte ihres ›world-building‹ dienen kann. 

Die Kurzweiligkeit des Buches ist Dank der dreistimmigen Grundstruktur stabil genug, damit es sich leisten kann bisweilen (u.a wegen fehlendem Sach- & Personen-Index!) etwas unübersichtlich, oder sprunghaft, oder unkonventionell zu wirken. Der große Bogen der Erzählungen vom Aufstieg der freien Marktwirtschaft und des von ihr ausgehenden Unheils wird erläutert durch …

  1. (fürs Hirn) chronologisch-geschichtlichen Referaten, welche mit Leben erfüllt und veranschaulicht werden durch …
  2. (für die Phantasie) zur Epoche passenden, oder die Sachverhalte metaphorisch überhöhend-illustrierenden, literarischen Zeugnissen, wobei beides immer wieder geerdet wird durch …
  3. (fürs Herz) Rendueles’ persönliche Alltags-Erlebnisse und -Beobachtungen.

Wer gewohnt ist, dass ein Sachbuch entweder Thesen brav aufbereitet, oder eben persönlich gefärbte Reflexionen sauber abgepackt offeriert, wird sich womöglich etwas schwer tun, dem roten Faden zu folgen. Mich persönlich hat die berauschende Vielfalt an einleuchtenden Fundstellen, geschickten Verknüpfungen und sich daraus ergebender ›Ah-Ha!‹-Momente nicht gestört. Im Gegenteil: Viele Sachbücher (oder Kritiken) nerven oder öden mich an, wenn Verfasser dem weitverbreiteten Irrtum anhängen, dass Beobachtungswiedergaben, Argumente und Schlussfolgerungen eine ganz besonders seriöse Überzeugungskraft eigen sei, wenn die Autorenpersönlichkeit hinter einem stilistischen Schleier aus kühler Objektivität auf größtmögliche Distanz zum Leser bleibt. Freilich kann es angebracht sein, seine Befindlichkeit im Zaum zu halten, aber bei heftig umstrittenen Gefechten um Ideen, die Wirklichkeits- und Möglichkeitsräume nach bestimmten Kriterien formatieren wollen (oder, eine Nummer kleiner, bei der ästhetischen Bewertung von irgendwas), ist es meiner Ansicht nach nur fair, den Lesern eine zugängliche Chance zu geben, nachvollziehen zu können, wodurch das jeweilige Denken und Empfinden und damit der Standpunkt, von dem aus man schreibt, geprägt wurde.

Ganz besonders kann ich den Kameradinnen und Kameraden der (Genre-)Phantastik zurufen, dass ihnen »Kanaillen-Kapitalismus« allein schon deshalb taugen könnte, weil sich dieser ›literarische Reiseführer‹ die besondere Stärke der Genre-Phantastik, vor allem der Science Fiction — mittels (frei nach Arno Schmidt) ›längerem Gedankenspiel‹ große Bereiche des Möglichkeitsraums zu durchwandern — zu nutze macht, anhand von Texten von Frederik Pohl & C.M. Kornbluth, Ian Watson, Kim Stanley Robinson und der Gebrüder Strugatzki. Besonders hübsche Beispiele gefällig?

  • Mary Shelly (Frankensteins Kreatur als Beschreibung des Proletariats als Monster, dessen Gewalttätigkeit sozialen Ursprungs ist und das von seinem Schöpfer würdevollere Lebensbedingungen einfordert);
  • Georges Perec (dessen Dystopie »W oder die Erinnerung an die Kindheit« eine Insel-Gesellschaft schildert, in der alles konsequent und grausam den Gesetzten des erbarmungslosen Wettbewerbes untergeordnet wurde);
  • J.G. Ballard (feine Lesart seiner »Betoninsel« als moderne Robinsonade über einen, der gestrandet im Niemandswinkel eines Autobahnkreuzes seine konsumistische Selbstentfremdung überwindet).

Wer weiß: vielleicht hilft »Kanaillen-Kapitalismus« somit einigen Leuz ganz nebenbei, ihre Scheu und Skepsis gegenüber den phantastischen Modi zu überwinden.

Als Sach-Essayist versteht Rendueles es, der Verklärung der Diktatur der zweckrationalen ›Vernunft‹ durch Buchhalter, Fabrikbesitzer und Aufseher entgegenzuhalten, dass sich Menschen eben nur unter Anwendung von Zwang und Gewalt an Rhythmus und Logik von Maschinen anpassen, was soweit führt, dass die Individuen sich in ihren eigenen Körpern nicht mehr wohlfühlen, ihr Geist abstumpft. Er ist dabei so fair, einzuräumen, dass die auf Eigennutz fussende Ethik der Marktwirtschaft auf den ›Kampf aller gegen alle‹ zwar zivilisierenden, mäßigenden Einfluss ausübte. Aber die damit einhergehende ›Zertrümmerung des menschlichen Trägheitsmoments‹ durch ein Gesellschaftsverständnis, dessen hierarchische Struktur letztlich nur von der Anhäufung materieller Macht des profitmäßig Verwertbaren geprägt ist, zerfrass halt auch alle Muße und die mit ihr verbundene soziale Aufmerksamkeit der Menschen füreinander.

Als Mensch bringt sich Rendueles ein, wenn er seine eigenen Erfahrungen anführt, beispielsweise, wie schockierend für ihn die stumpfsinnige Realität der Lohnarbeit mit ihren öden, eintönigen Verrichtungen war, oder dass andererseits die für Kulturschaffende und Akademiker typische Dauer-Improvisation letztlich nur chaotisch und ermüdend ist. Besonders erquickend finde ich seine Anekdoten als Vater zweier Kinder, wenn ihn zum Beispiel Mitleid für seinen Sohn überkommt, weil dieser, wie Rendueles selbst, ein normativer Mensch ist, der sich instinktiv an Regeln halten möchte.

Jedes Mal, wenn seine kleine Schwester, die immer Quatsch machen muss, in einen Aufzug steigt, will sie den Alarmknopf drücken, und er wird, vor lauter Empörung und aus Angst vor Kontrollverlust, ganz nervös — was ich sehr gut nachvollziehen kann. (S. 87)

Eine Glanzstelle, wie er Persönliches und Lektüre-Interpretation verbindet, liefert Rendueles anhand von Jack Kerouacs »On the Road«. Als Teenager von dem Buch hellauf begeistert, weil es ihm begreifen ließ, dass

Literatur auch dazu dienen kann, bewusstseinserweiternde Erfahrungen zu machen (S. 195)

fand er es Jahre später als Erwachsender völlig unerträglich, weil er den einschläfernden Aneinanderreihungen der Umtriebe unsympathischer Alphamännchen nichts mehr abgewinnen konnte. Aber dieser scharfe Kontrast zwischen seiner jugendlichen Hingerissenheit und späterer Angekotztheit bringt Rendueles dazu, sich den Status von »On the Road« als Klassiker der Underground- und Alternativkultur zu erklären, weil Kerouac es

gelingt {…}, etwas in ein privates Gefühl subjektiver Intensität zu verwandeln, das in Wirklichkeit eine kollektive politische Niederlage par excellence darstellt. (S. 200/201)

Über den dritten Aspekt von »Kanaillen-Kapitalismus«, die findige Auswahl von literarischen Zeugnissen und ihrer erhellenden Auslegung, könnte ich im Grunde so lange abjubeln, bis ich das ganze Buch nacherzählt habe. Ich musste lachen, wie Adrian Mole aus den Büchern von Sue Townsend und Patrick Bateman aus Bret Easton Ellis’ »American Psycho« von Rendueles als innige Seelenverwandte entlarvt werden, wenn beide eifrig — mal jugendlich kurzsichtig, mal als sadistisches Raubtier — der bürgerlichen Konsumismus-Beflissenheit des Warenfetischismus nachstreben. Und ich teile Rendueles’ Hymne auf den bei uns weitestgehend unbekannten Anarchisten Rafael Barrett (1876–1910), dessen längere Zitate der Übersetzer Raul Zelik für diesen edition suhrkamp-Band erst komplett ins Deutsche übertragen musste, weil es bisher eben nix von Barrett auf Deutsch gibt. Schimpft mich einen naiven Träumer und idealistischen Einfaltspinsel, aber was Barrett anhand seiner Beobachtungen der Knechtung von indigenen Arbeitern der Matepflanzungen in Paraguay, in einem Bericht aus dem Jahre 1908, schreibt, bringt mich zum Zittern, so groß und mächtig wird dabei eine mögliche Welt beschwört, würde nur mehr Geduld und Transparenz, und weniger Gier und Angst unser Zusammenleben unter der Herrschaft der Marktwirtschaft leiten:

In unserer Gesellschaft ist Arbeit in Fluch. {…} Wir haben die Arbeit vergiftet. {…} Allein die Vorstellung, dass Arbeit eines Tages Glück, Segen und Stolz bedeuten wird, wie es vielleicht früher der Fall war! Während ich diese Zeilen schreibe, spielt mein zweineinhalbjähriger Sohn. Er spielt mit Erde und Steinen, um es den Maurern nachzumachen: er spielt Arbeit. Der Gedanke, nützlich zu sein, keimt in seinem zarten Gehirn mit leuchtender Freude. Warum arbeiten die Erwachsenen nicht glücklich und spielend wie die Kinder? Arbeit muss ein göttliches Spiel sein; die Arbeit ist die Liebkosung, die der Geist der Materie zuteilwerden lässt {…}. Wir haben die Arbeit entstellt; haben die Natur zu einer Prostituierten gemacht, die dem Laster und nicht der Liebe dient {…}. Die Arbeit muss die glückliche Ausdehnung überschüssiger Kräfte sein, jugendlicher Glanz {…} eine Gefährtin der Schönheit, der Wahrheit, der heiligen Lebensfreude {…}. Heute hingegen ist die Arbeit eine Gefährtin der Verzweiflung und des Todes, gezeichnet von Erschöpfung, Kälte und Hunger, von der Verlassenheit der Machtosen, von der Verachtung gegenüber den Unschuldigen und Einfachen, vom Schrecken der zur Unwissenheit Verdammten, von der Angst derjenigen, die nicht mehr können. (S. 170/171)

Wer zu sehr schematisch-verkopft und kühl von oben herab denkt und dabei zu wenig aus von unten gemachten, eigenen körperlichen Erfahrung nachempfindet, wird sich sicherlich desöfteren in »Kanaillen-Kapitalismus« verlaufen. Dabei ist, glaub ich, der rote Faden für Letztere leicht im Auge zu behalten. Die uns eingetrichterten, verfälschenden Erinnerungen einer segensreichen Geschichte der Marktwirtschaft dürfen, ja müssen, vehement angezweifelt werden und es bedarf leidenschaftlich vorgetragener Gegenerzählungen derer, die unterjocht, ausgegrenzt und ignoriert wurden, um die verhängnisvollen Entwicklungen, in die uns der Kapitalismus mit der ihm eingeschriebenen Apokalyptik hinabzuziehen droht, korrigieren zu können. Entsprechend mündet Rendueles am Ende in folgendes Fazit:

Seit den Anfängen der Moderne besteht die Demokratie aus der Revolte der Mehrheit gegen die Gewinner des globalen Kapitalismus. Demokratie ist der politische Ausdruck der faszinierenden und immer etwas unscharfen Intuition, dass ein besseres — gerechteres, freieres und erfüllteres — Leben nur unter Gleichen möglich ist, die das ihnen Gemeinsame entdecken, transformieren und teilen. (S. 256)


César Rendueles: »Kanaillen-Kapitalismus. Eine literarische Reise durch die Geschichte der freien Marktwirtschaft« (Capitalismo canalla. Una historia personal del capitalismo a través de la literaura, 2015); aus dem Spanischen von Raul Zelik; Taschenbuch oder eBook, 266 Seiten; edition suhrkamp, 2018.

Jahresrückblick 2017: Games

Derzeit brüte ich über meinen Games-Kurzbesprechungen für den »Jahresrückblick 2018« (es wird geben: »Assassin’s Creed: Odyssey«, »The Council«, »Detroit: Become Human«, »Far Cry 5«, »God of War«, »Gorogoa«, »Marvel’s Spider-Man«, »Ni No Kuni 2: Revenant Kingdom«, »Red Dead Redemption 2«, »Shadow of the Colossus (HD-Remastered)« und »Takoma«) … und da halte ich es nicht für überspannt, meine Beiträge von den Rückblick auf das Jahr 2017 nun hier versammelt der werten Leserschaft zu unterbreiten. Ich empfehle drüben bei ›Polyneux‹ vorbeizuschauen, um alle Rückblicke meiner geschätzten Kolleginnen zu genießen!

Hier habe ich die einzelnen Kurzkritiken leicht überarbeitet und neu sortiert: zuerst die drei Gewinner der Gold-, Silber und Bronze-Pokale, dann alphabetisch der Rest.


»Horizon: Zero Dawn« — GOLD

Mal ideologisch aufgezogen, kann man allen hämisch giftspeienden Zweifeln, es ließe sich aus wohlmeinenden aber ach so blauäugigen Social-Justice-Warrior- und Gutmenschen-Fieberträumen keine athletisch-brazige Äktschn schustern nunmehr gelassen lächelnd damit begegnen, dass man auf »Horizon: Zero Dawn« zeigt und erwidert: »Kann man wohl, und für elegant, abwechslungsreich, anrührig, humorvoll, tragisch und episch ist sogar auch noch locker Platz im Sackerl.«

Jeder zynische Depp, der noch in traditionellen Machtfantasieschablonen der ihrem Kollaps entgegentrudelnden Zeitgenossenschaft gefangen ist, kann sich düster-bestialische Stammeskriegsgrausamkeiten einer postapokalyptisch zurückgestutzten Menschheit aus der Nase ziehen, die Kunst wahrlich erquickender Science Fiction aber speist sich aus dem (nicht spezifisch christlich formatierten, sondern ganz allgemein-vagen) evangelikalen Vermögen, zu erahnen, dass in all den bevorstehenden Leiden und Zusammenbruchs-Szenarien irgendwo auch schon Keime der guten Botschaft Hoffnung darauf harren erweckt zu werden.

Kurz: »Horizon: Zero Dawn« passt wie Deckel auf Topf zu meinem Gemüt und meiner Denke und bekommt dafür Gold.

»Everything« — SILBER

Eine der edelsten Leistungen, welche zwischen den Dingen und Subjekten befindliche und zwischen ihnen vermittelnde Menschen, Objekte und Werke (vulgo: Medien) vollbringen können, entfaltet sich hier in einer Disziplin, die in Zeiten zunehmender ideologischer Wasserscheidenbildung und pekunärer Grabenweitung, für vom Optimierungstraining für zweckrationalistische Verblendungszusammenhänge selbstentfremdeten Gepiesakten, immer schwerer gelingen will: spielerische Bewusstseinserweiterungen.

Gekoppelt mit segensreicher Entschleunigung und (abgesehen von der Jagd auf Trophäen) weitestgehender Abwesenheit von zu absolvierenden Zielen, beschenkt »Everything« als Open-World-Mandala uns mit einer kunterbunten Grabbelkiste voller Umwelten und ihrer zig Bewohner, mit denen man auf vielerlei Weise herumdoofen kann, während man Vortragsschnipsel des westlichen Zen-Vermittlungspioniers Alan Watts lauscht. Pures Glück.

»Hellblade: Senua’s Sacrifice« — BRONZE

Ich stehe vollumfänglich zu dem Resümee, dass ich im Polytalk zum Spiel gegeben habe: »Ich halte es nicht für verfehlt festzustellen, dass ›Hellblade‹ vor allem durch die Gnade der Expressivität von Frauen mehr geworden ist als ein x-beliebiger, tragisch-zorniger Grim’n’gritty-Garn«, womit ich die Leistung von Senua-Darstellerin Melina Juergens und die der Furien-Stimmen vom feminstischen Theater-Trio RashDash gewürdigt wissen wollte.

Das Kampfsystem ist ganz knapp tief genug, dass mir Button Smashing stumpfes Vergnügen bereitet. Die Rätsel sind schon abwechslungsreicher und beschäftigten mich entsprechend lustvoll. Die optische Qualität ist eh der Wahn, und die Atmo ist so wuchtig, dass mich trotz der eigentlich vorhersehbar-formelhaften Unterweltreise ein mächtiges Geschick der emotionellen Manipulation anrührte und mein Inneres zum Schwingen brachte.

Für all das und den kreativen und unternehmerischen Kraftakt von Ninja Theory, neue ›Independent-AAA‹-Wege zu wagen, gibts von von mir Silber.


Dark Souls 3: DLC — The Ringed City

Als Fantastik-Feinschmecker hat es mich zutiefst entzückt, wie sich DLC Nummero 2 The Ringed City als Abschluss eines umfangreichen Fantasy-Weltenbaus der von vielen ersehnten — und für dieses Genre sonst so typischen — linearen Klarheit heilgeschichtlicher oder apokalyptischer Epik verweigert hat, und stattdessen seinem ureigensten narrativen Groove treu blieb, indem es sein aus Lore-Infos, -Querverweisen und -Lücken gestricktes narratives Netzwerk mit nur noch mehr numinöser Kryptik ausschmückte und schimmernd mehrdeutig ausfransen lässt.

Spielerisch wird einiges bisher bei Dark Souls noch nicht Dagewesenes gereicht, und völlig kaputte Komplettismus-Zwangsneurotiker, die keinen noch so aberwitzig harten Boss unbezwungen lassen können, dürfen wonniglich an Finsterdrache Midir verzweifeln.

Uncharted: The Lost Legacy

Gemessen an der Zeit die ich seit Wochen in der Multiplayer-Suite von Uncharted: The Lost Legacy vertüdel, ist dies mit weitem Abstand mein Lieblingstitel des Jahres. Aber subjektiv-eigentümliche Shooter-Fetischismen sind ja nicht alles, ne? Klaro können auch die neuen Protagonisten-Ladies Nadine und Chloe nicht über die grundsätzliche Ausgelutschheit der Reihe hinwegtäuschen, aber die Naughty Dog-typischen Tugenden schaffen es zumindest bei mir, die bellenden Hunde scharfer Kritik in den Schlaf zu kraulen. Und versteckt als Kletter- und geduldig-nix-tun-Trophäe gibt’s den (für mich) besten animierten Bildschirmschoner aller Zeit seit ever!

Wolfenstein II: The New Colossus

Bei keinem Spiel habe ich 2017 so oft frustriert geflucht, wie bei »Wolfenstein II: The New Colossus«, denn ich wollte meinen ersten Durchgang mit Schleich-Kill-Taktik absolvieren, hab aber immer wieder vor den Latz geknallt bekommen, dass Gegner-KI und (bis auf wenige Ausnahmen) Level Design gar nicht dafür ausgelegt sind. Dann gibt es enttäuschenderweise im Gegensatz zum Vorgänger statt richtigen, einzigartigen Boss-Kämpfen lediglich Arenen mit ganz besonders umfangreichen Wellen an Standard-Gegnern, und der große Bogen der Erzählung zerfasert erstaunlich unrund.

Trotzdem bin ich diesem eigensinnigen Spiel mit Haut und Haar verfallen, weil es (wie schon »Wolfenstein: The New Order«) für ein Blutrauschballerbumspiel charmant viel Hirn und Herz mit pulpig-brachialer Chuzpe bietet, und es unterm Strich, gemessen an meinen Frustmomenten, viel mehr Gelegenheit für mich gab zu staunen, zu schmunzeln, enthusiasmiert „WTF?!“ zu rufen, Becker-Faust zu machen, triumphal zu grölen, Kloß im Hals und feuchte Augen zu haben. Ich freu mich schon auf die DLCs und den hoffentlich wieder mit etwas mehr Gameplay-Sorgfalt versehenen Trilogie-Abschluss.

Burnout-Link-Tipps — #3

Dritte Lieferung der (fast) täglichen kulturellen Link-Bonbons, die mir Freude machen und Kraft spenden und die ich seit meinem Burnout-Zwischenfall mit ›meinen Leuten‹ in einer kleinen Privatmitteilungs-Gruppe bei Twitter teile.


Sonntag, 25. Nov.: Die Youtube-Essays von habe ich in den letzten Wochen entdeckt. So ziemlich alles, was ich seitdem von ihm geguckt habe, lohnt sich. Dieser Zweiteiler über das ›Œvre‹ von Michael Bay stellt für mich eine große Herausforderung dar (im Guten!). Immerhin ist es für Leute mir mehr als drei im Schädel herumkullernden Hirnkrümeln quasi ein Ding der Unmöglichkeit, Bays Werke gut zu finden, selbst wenn man seine nicht zu leugnenden handwerklichen Qualitäten als Rambazamba-Meister anerkennen kann. Willams hat es aber durch seine Deutung dieser Filme geschafft, mir ein Quäntchen mehr Respekt für Michael ›Little Fincher‹ Bay einzuflößen. Abgesehen davon finde ich Bays aus der Reihe fallendes SF-Vehikel »The Island« immer noch sehr fein, und auf eine perverse Art begeistert mich sein jüngster Transformers-Flick »The Last Knight«, sowie seine verstörend entzückende Gebrüder Coen-Homage auf Amphetaminen‹ »Pain & Gain«.


Montag, 26. Nov.: Auf den heutigen Link-Tipp bin ich vorgestern von aufmerksam gemacht worden. (Jupp, ich wage es langsam wieder, mich im offenen Twitter herumzutreiben, z.B. indem ich mich traue, ab und zu in meine offene Twitter-Liste ›Arkadische Guerilla—GEFILDE‹ zu gucken).

Ich weiß nicht genau, seit wann mich Gebärdensprache fasziniert, womöglich seit ich z.B. »Gottes vergessene Kinder« (1986) gesehen habe. »Das stille Kind« (OmU) von Chris Overton hat dieses Jahr den Oscar für ›Best Short Film (Life Action)‹ gewonnen und ist noch bis 21. Februar 2019 bei Arte online zu sehen.

The Silent Child


Dienstag, 27. Nov.: Ich hab »NSA — Nationales Sicherheits-Amt«, als es frisch in den Läden lag, nach ca. 30 Minuten wieder zugeklappt und mir nix groß dabei gedacht, außer, dass Andreas Eschbach in meinen Augen seit je an allen vier Zeilen von Robert Gernhardts ›Lyrik-Qualitäts-Check‹-Gedicht scheitert.

(Zur Erinnerung:
»Gut gefühlt.
Gut gefügt.
Gut gedacht.
Gut gemacht«.
)

hat in seinem Blog »54books« die krassesten Verfehlungen (des Autors Eschbachs, seiner Probeleser, Lektoren, und schließlich der Kritiker*), die zu sowas wie diesen Nazi-Uchronie-Porno führen, benannt: »Nazi-Kitsch, Internetkritik und sexuelle Gewalt oder warum dieser Roman einen Skandal auslösen müsste« . Es hat mich ungemein beruhigt, dass ›meine‹ Experten bei SF-Netzwerk den Roman überwiegend langweilig und enttäuschend fanden.
*Denis Scheck hat NSA empfohlen! Macht mich jetzt noch fassungslos.


Mittwoch, 28. Nov.: Nach all dem ›heavy stuff‹ den ich letzter Zeit hier verbreitet hab, ist es Zeit für eine Runde kuriosen Spaß mit dem stets großartigen ›Movie Bob‹ Chipmann und seiner atemlosen Übersichts über Handlung & Entstehung des ersten echten Marvel-Multi-Crossover-Flick, den es in den 80ern fast gegeben hätte.


Donnerstag, 29. Nov.: Heutiger Tipp des Tages ist wieder heftig, aber um’s ›etwas‹ lockerer zu machen, lass ich euch an einem meiner typischen Internet-Trips teilhaben.
Also, bei mir babbeln derzeit nebenbei die Audiokommentare von »Game of Thrones«, in diesem Fall von Staffel 2 (aus der glorreichen Stadtbücherei Ffm entliehen), und erfahre beim Plausch von Ian Cunnngham (Davos Seaworth) & Carice van Houten (Melisandre, und ich war beeindruckt von ihrer Rolle in Paul Verhoevens »The Black Book«), dass die beiden sich schon von einem Dreh in Südafrika kennen.

Ich so: »HÄ?«

Recherchier also und finde den Film »Black Butterflies« (2012), der gute Kritiken, Preise und alles hat, inkl. einer großen Nebenrolle von Rudger ›Schauspiel-Gott‹ Hauer!!!

»Warum hab ich noch nie von dem Film gehört?«, denk ich mir.

Warum gehts? Leben und Sterben (empörend tragisch! Zwangseinweisung in Klapse durch Herrn Papa, Elektroschick-Therapie, Selbstmord) der südafrikanischen Dichterin Ingrid Jonker, (1933–1965), die zu Lebzeiten nur zwei schmale Lyrik-Bände veröffentlichen konnte.
Und wodurch wurde dann Ingrid Jonker zur Zeit meiner Generation weltberühmt?
Nelson Mandela hat seine erste »Rede zur Lage der Nation« als frischgewählter Präsident von Süd-Afrika am 24. Mai 1994 mit einer großen Verbeugung vor Jonker eröffnet, unter anderem mit einem langem Zitat aus ihrem bekanntesten Protest-Gedichtes »Die Kind« (1960)  (nicht verwirrt sein! Jonker schrieb ihre Gedichte auf Afrikaans und da heißt es nun mal ›die Kind‹ statt ›das Kind‹). Auf der wundervollen niederländischen Website »Muurgedichten« kann man das ganze Gedicht in verschiedenen Sprachen — auch auf Deutsch — finden.

Beim weitern Rumlesen zu den »Black Butterflies«-Darsteller*innen bin ich auf eine frühe Rolle von van Houten gestoßen: »Die geheimnisvolle Minusch«, den ich schon seit ewig mal sichten will und mir später heut Abend zur Erholung gönnen werde. — Nachtrag: der Film ist doll! Bietet alles, was man sich von einem guten, frechen, herzigen, phantastischen Kinderfilm erwarten sollte.

Burnout-Link-Tipps — #2

Zweite Lieferung der (fast) täglichen kulturellen Link-Bonbons, die mir Freude machen und Kraft spenden und die ich seit meinem Burnout-Zwischenfall mit ›meinen Leuten‹ in einer kleinen Privatmitteilungs-Gruppe bei Twitter teile.


Donnerstag, 15. Nov.: Ich bin zwar noch nicht durch mit »Kanaillen-Kapitalismus — Eine literarische Reise durch die Geschichte der freien Marktwirtschaft« von César Rendueles, aber ich traue mich jetzt schon verkünden: ein sehr lesenswertes, kluges, emphatisches und kurzweilig-zugänglich geschriebenes Buch.

Im zweiten Kapitel — zur Heraufkunft des Lohnarbeitsmarktes in der ›heroischen Phase‹ des industriellen Kapitalismus — findet sich das Gedicht »Beschreibung der Lüge« von Antonio Gamoneda, eigentlich ein Text über Depression, das aber eben auch sehr gut die Ausgepumptheit von jemanden in Worte fasst, der als Lohnsklave in einem unbefriedigenden Job vor sich hin darbt.

Kanaillien_Kapitlasmus


Freitag, 16. Nov.: Der heutige Link-Tipp beschäftigt sich mit einem der besten Filme, die ich je gesehen habe: »Mad Max: Fury Road«. Der kluge Medien- & Gesellschafts-Kritiker hat einen hinreissend klar argumentierenden, achtteiligen Video-Essay zu dem Film gestaltet. Auch wenn man vielleicht zwischendurch glauben mag, dass er — trotz einer Fülle kluger Einzelbeobachtungen — beim großen Bogen nie wirklich zu Potte kommt, rate ich dazu: bleibt am Ball! Es ist geradezu spektakulär, wo er am Ende ankommt. Erlebe ich selten, dass jemand einen Film so gut belegt zu lesen, und seine Interpretation auch plausibel auszudrücken vermag. Viel Spaß!

Nicht ganz uneitel meine Empfehlung, weil ich mir irr schlau vorkam, dass außer mir noch jemand anders ‘ne ganze Reihe wichtige Details bei »Fury Road« bemerkt hat, z.B. die beiden Taschen (eine mit Todes-Samen, eine mit Wachstums-Samen), der Gegensatz von vertikal & horizontal organisierter Macht, wie viel Charakter-Beschreibung in die ersten Kameraeinstellungen bei der Vorstellung der drei wichtigsten Figuren des Filmes eingebettet ist, u.v.m..


Samstag, 17. Nov.: Der heutige Tipp ist wieder einfach: »The Ballad of Buster Scruggs«, eine Western-Anthologie der Gebrüder Coen bei Netflix. Es gibt ja viel zu wenige Anthologie-Filme! Der hier hat alles, was man sich vom Western-Genre wünschen kann, und noch einiges darüber hinaus, worauf man nie gekommen wäre. Für mich womöglich ein neuer Top-5-Coen-Brüder-Film, aber definitiv einer ihrer besseren Streifen, wenn man es eben abwechslungsreich mag. Es gibt sechs Geschichten, die jeweils ein eigenes Western-SubGenre wiederaufleben lassen. — Die Episode mit Tom Waits als Goldgräber wirkt auf mich wie eine innige Studio-Ghibli-Homage. Unfassbar schön, aber auch ein wenig traurig, weil dabei großer GCI-Aufwand betrieben wurde, um unberührte Natur glorios zu inszenieren.

BTW: Meine bisherigen Top-5-Gebrüder-Coen-Filme? Hmmmm … chronologische Reihenfolge, ohne Wertung:
• »Barton Fink«
• »The Big Lebowski«
»O Brother, Where Art Thou?«
»A Serious Man«
»True Grit«


Sonntag, 18. Nov.: Bin zum Frühstück über diesen Vortrag von Drehbuchautor & Regisseur Charlie Kaufmann gestolpert. Wer mich halbwegs kennt, weiß, dass ich alle Kaufmann-Filme sehr verehre (»Being John Malkovich«, »Human Nature«, »Adaption«, »Confessions of a Dangerous Mind«, »Eternal Sunshine of the Spotless Mind«, »Synecdoche, New York«, »Anomalisa«). Neben David Lynch (der allerdings eine komplett andere Vibe bedient) ist er vielleicht der markanteste Vertreter einer Art von Phantastik, die mir persönlich sehr am Herzen liegt: traumgleich, fernab davon gewohnte Genre-Formeln zu befolgen, surreal, desweiteren unglaublich verletzlich, bescheiden & sensibel und dabei saukomisch, sowie sehr mutig dabei dem Publikum zuzutrauen mitzudenken/fühlen. Und :Kaufmanns Filme immer sehr verkopft und dialoglastig.


Montag, 19. Nov.: Heutiger Tipp: »Die berühmten Frauen der französischen Revolution 1789-1795« von Emma Adler, erschienen 1906. Nicht falsch verstehen! Nicht alles was ich empfehle, habe ich auch zur Gänze verköstigt. Seit jeher sind Tipps von mir auch eine Art Gedächtnisstütze. Zurück zu Emma Adler: natürlich bin ich …

  1. … prinzipiell angefixt, wenn es um Geschichten über die Französische Revolution aus ›Froschperspektive‹ geht; zudem
  2. freut mich als bekennender & auch ein wenig eitel-stolzer, sich selbst auf die Schulter klopfender SJW, speziell ein Werk über die Frauen der FranzRev gefunden zu haben, welches noch dazu
  3. in einer feinen Sprache geschrieben ist. Allen, die sich, im welchem Zusammenhang auch immer, schreibend auszudrücken trachten, rate ich seit jeher, möglichst querbeet zu lesen und nicht in einem kleinen Winkel der eigenen Geschmacksbratpfanne zu brutzeln. Und ältere Werke sind da ein wesentlicher und überwiegend erquicklicher Quell der Inspiration.
  4. Dann für mich ein kleiner Schock, dass ich erst jetzt über Emma Adler stolpere, die es soweit ich bisher einschätzen kann, verdient hätte, mehr zu sein, als ›die schreibende Gattin SPÖ-Gründer Victor Adler‹.

Dienstag, 20. Nov.: Fast hätt ich den heutigen Link-Tipp vergessen. Der kam per Post in Form einer Naturalien-Zahlung von einem meiner Netflix-Untermieter: »Deconstructing the Incal« von Christophe Quillien, Jean Annestay sowie mit Beiträgen der  ursprünglichen ›Incal‹-Comics-Schöpfer Alejandro Jodorowsky, Mœbius, Jenjetov und Ladrönn. Ursprünglich als »Les Mysteries de L’Incal« 2016 bei ›Humanoids et Associes‹ in Frankreich erschienen, gibt es diesen wunderschönen Band (mit Lesebändchen!!!) seit 2017 auch auf Englisch beim amerikanischen Schwesterverlag ›Hummanoids‹. Auf den 117 Seiten findet sich:

  1. Inside The Incal: The Revelation of the Books (The Incal; Before The Incal; After The Incal; Final Incal)
  2. Behind The Incal: Creators & Origins (Alejandro Jodorowsky; Mœbius; Zoran Janjetov; Yves Chaland; Ladrönn; Alejandro Jodorowsky’s Dune; The Creative Process; Improvisation; Collaboration; Frustration; Design; Re-Coloring; Dialogue; The Forgotten Page; Novel)
  3. The Black Incal vs. The Luminous Incal: Characters & Creatures (John Difool; Luz de Garra; Deepo; The Metabaron; Animah & Tanatah; Solune; Kill Wolfhead; Arhats; Barbariah; Protofather; Orh; Raïmo; Kaimann; Snailhead; Gorgo the Foul; Kolbo-5; Bergs; The Eyecop; Archangels; Elohim; The Psychorats; Anarchists; The Necrodroid; The President’s Hunchbacks; The Cardioclaw; Diacaloo; The Supra-Divinoid; Cybo-cops; The Supreme Highness; The Darkness; Gounas; The Benthacodon)
  4. Across The Incal: Timeless Worlds & Infinite Ephemera (Galaxies; The City-Shaft; Suicide Alley; The Acid Lake; Conapt; The Crimson Ring; Center Earth; The Great Nuptial Games; The Starship; Vhisky, SPV, and Horror-Whores; Amorine; Halo; Cocaloco)
  5. Beneath The Incal: Themes & Influences (The Tarot; Alchemy; Metamorphoses; Esotericism; Duplication; The Subconscious; Initiation; Genealogy; Patricide; Tintin; Dream; Truth; Friendship; The Big Secret; Social Organization; War; Revolution; Crime Fiction; Reality TV; Science Fiction)

Deconstructing the Incal


Mittwoch, 21. Nov.: Über das Musik-Projekt »Elif’n Hecesi« bin ich schon vor einiger Zeit gestolpert (wurde mir in youtube-Empfehlungen gespült). Dort hat man sich vorgenommen ›die Echos der Vergangenheit zu bewahren‹, dabei ist es den Musikern herzlich Wurscht, von wo … ob türkische, iranische, kurdische, bulgarische Musik, jeder ist willkommen. Im Hintergrund hört man manchmal das ferne Rumsen von Mörsern. Hier geht’s zur Video-Übersicht auf ihrem youtube-Kanal.

Ein wenig schwer, auf Deutsch oder Englisch mehr zu ›Elif’n Hecesi‹ (zur Patreon-Seite des Projekts) herauszubekommen, weil die Info-Texte größtenteils auf Türkisch sind und z.B. ›Google translate‹ veranschaulicht, dass frei verfügbare Übersetzungungs-Algorithmen noch weit davon entfernt sind, menschlichen Übersetzern eine Konkurrenz zu sein.

Hier das erste Video, über das gestolpert bin (sei die Katze!):