China Miéville: »The City & The City«, oder: Mördersuche hüben, drüben und dazwischen

China Miéville (*1972) pflegt die löbliche Programmatik, sich für jeden Roman ein anderes Genre vorzuknöpfen, um daraus schubladensprengende Phantastik zu machen. So ist »The City & The City« erstmal ein klassischer Detektiv-Krimi, wenn Commissar Tydor Borlu den Mord an einer unbekannten Frau aufzuklären hat.

Die Sprache ist meist rau, eben typisch ›Hard-Boiled‹-Krimi, auch wenn Miéville (wie immer) massig einige Wortschöpfungen präsentiert und vertraute Begriffe so verwendet, dass sie neuartig schillern. Trotz der kühlen Sprache ist der Roman ungeheuer dicht gewebt, sprich: bietet viele Details und Ideentupfer, statt Gelaber und unnötiger Rekapitulationen. Zudem sind mir einige äußerst gelungene Dialoge aufgefallen, dank derer Miéville sich und seinen Lesern ermüdend weitschweifige Figurenschilderungen erspart.

Bewundernswert finde ich das große Phantastik-Konzept von »The City & The City«. Da gibt es zwei Städte, die irgendwo in Osteuropa an einer Flussmündung liegen: das altmodischere und politisch-kulturell pluralere Besžel, die Heimat von Kommissar Borlu, und das einheitsparteiisch regierte aber Dank Auslandsinvestitionen modernere und wirtschaftlich florierende Ul Qoma. Die Städte liegen auf seltsam-›magische‹ Art in- und nebeneinander. Keiner weiß, ob diese Eigenheit vor vielen Jahrhunderten durch die Trennung einer Stadt, oder das Zusammenwachsen zweier Städte hervorgerufen wurde. Über die geschichtliche Herkunft der Städte gibt es reichlich, teils durch Tabus erschwerte Debatten. Passt, kennen wir doch Ähnliches, wenn z. B. Ideologen eine Leitkultur einfordern und bestimmte Bräuche, Religionen oder sogar Arten das Bedürfnis nach willentlicher Manipulation des Bewusstseins mittels Rauschzuständen zu befriedigen als ›kulturfremd‹ und ›gehört nicht zum alkoholisch-christlich Erbe des Abendlandes‹ ausgrenzen.

Die Grenze zwischen Besžel und Ul Qoma verläuft sehr unübersichtlich. Da gibt es Bereiche, die eindeutig — ›total‹ — nur der Stadt angehören, in der man sich gerade befindet, dann ›alter‹-Orte, die zur anderen Stadt gehören, und schließlich schraffierte ›crosshatched‹-Zonen (übersetzt als ›Deckungsgleichen‹). Die Einwohner der beiden Städte achten penibel darauf, nur die zur eigenen Stadt gehörenden Dinge und Personen wahrzunehmen, und die andere Stadt zu ignorieren (›to unsee, unsmell something‹).

Mit Worten wie ›grosstopically‹ und ›topolganger‹ beschreibt Miéville die Wirrnisse der Zwillingsstädte Besžel und Ul Qomo. — ›Topolganger‹ bezeichnet das Gegenstück eines Ortes in der anderen Stadt. Eine Straße die nicht total in einer Stadt liegt, hat dann zwei Namen. So ist Ioy Street der Ul Qoma-›topolganger‹ von Rosid Strász in Besžel. Für die Bewohner von Besžel sind die Leute aus Ul Qomo zwar ›grosstopically‹ anwesend, aber es ist Besžel-Bewohnern nicht erlaubt die ›anderen‹ in Ul Qoma direkt und bewusst wahrzunehmen, denn allein das wäre schon eine Grenzverletzung.

(Wie meistens, wenn ich einen neuen Roman von Miéville auf Englisch lese, frage ich mich, wie man solche sprachlichen Eigenarten auf Deutsch meistern könnte. Ich habe die Übersetzung für Bastei Lübbe von Eva Bauche-Eppers nicht komplett ›geprüft‹, aber bei der Querbeet-Zweitlektüre musste ich oft anerkennend nicken und schmunzeln. Das ist Fitzelarbeit, die höchste Konzentration und viel Geschick verlangt.)

Von Klein an werden die Bewohner beider Städte darauf getrimmt, die eigenen kulturelle Merkmale zu verinnerlichen, und diejenigen der anderen Stadt zu ignorieren. Die entsprechenden Regeln der Unterscheidung beziehen sich auf solche Dinge wie Schrift und Sprache, körperliche ethnische Merkmale, und erstrecken sich bis hin zu typischen Speisen, Musik, Gesten und Farben.

Das macht natürlich alles mögliche Alltägliche, beispielsweise Straßenverkehr und Feuerwehreinsätze, ziemlich kompliziert, und erst recht Politik und Geschäftsleben und eben auch Verbrechen, wenn wie im vorliegenden Fall eine amerikanische Archäologin als Gast in Ul Qoma wohnt und dort an Ausgrabungen teilnimmt, deren Leiche aber in Besžel gefunden wird.

Die Einhaltung der Trennung überwacht eine unheimliche Macht namens ›Breach‹ (auf Deutsch ›Ahndung‹). Breach ist nicht nur die Bezeichnung für die Straftat der Grenzverletzung selbst, sondern auch der Überwachungsinstanz, ihrer Mitarbeiter, ja der zwischen/über dem Zweistadtgefüge liegende Ort des ›Bruches‹, des ›Risses‹ wird so genannt. Und vor Breach haben alle Bewohner von Besžel/Ul Qoma große Angst, denn die Breach-Angehörigen verfügen über immense Macht und ihnen entgeht nichts was in den beiden Städten geschieht. Das mindeste, was im Roman einer Person die einen Breach begeht widerfährt, ist, dass sie in einen tiefen Schlaf versetzt wird, der andauert, bis der Delinquent des Landes verwiesen wurde. Doch das ist noch milde, denn für gewöhnlich verschwinden Breach-Missetäter spurlos und für immer.

Wie es sich für einen Miéville-Roman gehört, spielen politische Gruppierungen eine wichtige Rolle und es gibt viele gelungene Schilderungen von Besonderheiten unterschiedlicher Milieus. Also uffbasse: dieser Roman legt es darauf an, uns Leserinnen schwindlig zu machen, auch mit all diesen Vetracktheiten ein wenig Beklemmung einzuflößen. Wer sich darauf einlassen mag, kann ein Hirnsausen erleben, mit dem auch die  Bewohner der Doppelstadt ständig zu ringen haben dürften.

Der erste Teil des Romans ist in Besžel angesiedelt, und unter anderem begleiten wir Tydor Borlu zu einer Komitee-Sitzung , bei der entscheiden werden soll, ob man wegen des Mordes an der Unbekannten Breach beschwören soll. Wir lernen Besžel-Faschos von den ›True Citizens‹ und linksgesinnte Vereinigungs-Aktivisten kennen. Wir erleben, welche Umstände ausländische Besucher verursachen und erdulden müssen, und bestaunen den größten zwie-städtischen Grenzübergang Copula Hall.

Ul Qoma steht im Mittelpunkt des zweiten Teils, und ein wichtiger Schauplatz ist hier eine archäologische Grabungsstädte, auf der ein internationales Forscherteam arbeitet. Dramaturgischen Steigerungsschwung erlangt die Handlung durch Borlus Besucherstatus, und durch seine Zusammenarbeit als Berater für den Ul Qoma-Ermittler Quissim Dhatt. — Der Roman beginnt recht sachte und scheinbar krimi-gewöhnlich, steuert jedoch mit einem wundervollen Spannungsbogen auf einen chaotisch-fulminanten Höhepunkt zu.

Richtig gut finde ich Phantastik nicht etwa dann, wenn sie mir Wohlfühlträumerei ermöglicht, sondern wenn sie meinen Assoziationsmotor auf Touren bringt. Der Weltenbau und die Geschichte von »The City & The City« ermunterten mich zu aufregenden Gedankenspaziergängen über Phänomene zur Definition, Beachtung und Missachtung von Grenzen und Ausgrenzung, Wahrnehmung, kollektiver und individueller Identität und Erinnerung. Der Roman sensibilisiert, (wieder) darauf zu achten, was man selbst in seiner Umgebung ausblendet, oder was Mitmenschen, die man beobachtet, im öffentlichen Raum willentlich übersehen. Es ist erstaunlich und leicht verstörend zu bemerken, wie viele unsichtbare Barrieren unsere moderne Lebenswelten durchziehen, hinter denen fremdartig wirkende, Alte, Kranke, Beeinträchtigte und andere Menschen verschwinden. Achtet mal darauf, wo sich Vergrämungsmittel und Absperrungen in eurer Stadt nicht etwa gegen Tauben und anderes tierisches Ungeziefer, sondern gegen Obdachlose und sonstige unerwünschte Personengruppen richten. Wer wie ich in einer Service-Branche arbeitet, kennt vielleicht die sanfte Verpflichtung als Grüßaugust zu fungieren, und zu verinnerlichen, wer z. B. beim Kommen und Gehen in einem Empfangsbereich gegrüßt werden will, bei wem (wegen Morgenmuffeligkeit oder Dauertelefonieren mit Kopfhörern) ein Nicken reicht und wer sich tunlichst darum bemüht mit einer Empfangskraft gar nicht erst Blickkontakt aufzunehmen, weil das Zur-Kenntnis-Nehmen eines Mindestlohns-Dienstleistungs-Deppen bereits eine soziale Zumutung bedeutet.

Eine kürzere Version dieser Besprechung erschien ursprünglich im Mai 2009 in meinem alten Blog. Mittlerweile gibt es seit 2018 von »The City & The City« eine Verfilmung als vierteilige Mini-Serie für BBC Two und die ist (was mich ein wenig freudig überrascht) sogar im deutschen Fernsehen versendet worden und ist seit Februar 2019 auch als VOD und DVD erhältlich. Letzte Woche im Urlaub hab ich diese Adaption gesichtet und kann verkünden: durchaus gelungen und eine empfehlenswerte Erstkontakt-Möglichkeit für die seltsamen Welten von China Miéville. Freilich konnte vom sprachlich-semiotischen Chaos des Szenarios nur das für die Krimi-Handlung wichtige umgesetzt werden, und die Erzählung konzentriert sich vor allem auf das emotionelle Auf und Ab der Hauptfiguren, aber den atmosphärisch-thematischen Kern der Geschichte hat man gut einfangen und das komplexe räumliche, politische und kulturelle Durcheinanders der Städte hat man sehr geschickt und mit viel Liebe zum Detail veranschaulicht. Zudem freut mich, wie hier Schauspieler David Morrissey (bekannt als ›The Governor‹-Bösewicht in Staffel 3 und 4 von »The Walking Dead«) glänzt, zudem er sich in einer Fragerunde zur »The City & The City«-Verfilmung als begeisterter Miéville-Fan outet.

The City & The City_Episode 2_Miéville Cameo.png
Miéville-Cameo in Episode 2 der »The City & The City« Mini-Serie.

Die kluge SF-Kritikerin und Herausgeberin (»Clarkesworld Magazine« und »Emerald City« Fanzine) Cheryl Morgan bringt den Wert von China Miévilles Schöpfung in ihrem Blogeintrag zum Roman sehr gut auf den Punkt:

People will get themselves all mixed up over the presence or absence of fantastical elements {… whether it is actually a science fiction or fantasy book at all}. And that will be magnificently ironic because the book is all about our obsession with categorization. {…} While the book is obviously about multiculturalism, the same argument can be extended to issues such as gender, and even to fandom. {…} Ah well, maybe China will manage to get a few more people to think. {…} And obsession with categories is a dangerous thing.

Molo-Übersetzung:

Über das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von phantastischen Aspekten, {… und ob es sich bei dem Roman nun eigentlich überhaupt um Science Fiction oder um Fantasy handelt …} werden sich die Leute in Debatten verstricken. Das ist wunderbar ironisch, denn das Buch spricht die ganze Zeit über unsere Obsession was Kategorisierungen betrifft. {…} Obwohl sich das Buch offensichtlich mit Multikulturalismus auseinandersetzt, lässt sich sein Hauptanliegen auch auf solche Themen wie Geschlecht, ja sogar Fandom anwenden. {…} Nun ja, vielleicht schafft es China ja, mehr Leute zum Denken zu bringen. {…} Es ist gefährlich von Kategorisierungen besessen zu sein.


China Miéville: »The City & The City« (2009), 312 Seiten; Macmillan (gebundene UK-Ausgabe); Pan (UK-Taschenbuch 2011); Übersetzt von Eva Bauche-Eppers bei Bastei Lübbe (Deutsche Taschenbuch-Ausgabe 2010); Pandastorm DVD (BBC-Miniserie 2018, ca. 240 Minuten).

Burnout-Link-Tipps — #5

Fünfte und letzte Lieferung der (fast) täglichen kulturellen Link-Bonbons, die mir Freude machen und Kraft spenden und die ich seit meinem Burnout-Zwischenfall mit ›meinen Leuten‹ in einer kleinen Privatmitteilungs-Gruppe bei Twitter teile.

Ab Montag den 17. Dez. bin ich wieder uff der Arbeit und werde nicht mehr so viel Zeit und Musenkraft haben Link-Tipps zu zu teilen, bzw. hier in so langen Sammelbeiträgen aufzubereiten.

Aber ich strebe an, die kurzen Link-, Kultur- und Gott-und-die-Welt-Tipps, die ich bisher hier rausgeballert habe als einzelne Häppchen für ›molochronik reloaded‹ anzubieten.


Freitag, 07. Dez.: Einigen von euch ist ja bekannt, dass ich die Filme von Denis Villeneuve sehr verehre. Bin bei ‘nem Netzstreifzug zufällig in »Prisoners« (2013) reingestolpert und fand den vom Fleck weg gigantisch (war nebenbei auch mein erster Kontakt mit der wundervollen Musik des leider viel zu früh verstorbenen ›Drone Music‹-Meisters Johann Johannsson). Ich war angetan, wie hier mit ruhiger Hand enorm fett Atmosphäre aufgeladen wird, sachte, dem Publikum zutrauend, Geduld und Lust am Beobachten zu haben (statt sich ›nur‹ berieseln zu lassen von Spektakel-Wuchtigkeiten). Hab dann »Die Frau die singt – Incendies« (2010, nach einem Theaterstück von Wajdi Mouawad; bis heut mein Lieblingsfilm von Villeneuve) nachgeholt, dann »Enemy« (2013 für mich sein schwächster Flick, aber dennoch ein köstliches Bon-Bon für Freunde der verstörend-rätselhaften ›Magischer Realismus‹-Phantastik), »Polytechnique« (2009, Tipp: liegt als Bonus-DVD der Sonderedition von »Enemy« bei) und schließlich »Sicario« (2013, mein erster Villeneuve im Kino).

Ich war sehr nervös, wie Villeneuve wohl »The Story of Your Life« von Ted Chiang (als Übersetzter kenne und schätze ich Geschichte nur zu gut) adaptieren würde: »Arrival« (2016, bin zufrieden damit, wie der knifflige Erzählknoten gelöst wurde) fügt sich neben den Arbeiten von z.B. Alex Garland (»Ex Machina« & »Annihilation«) oder Brit Marling (»Another Earth«, »The East« & der Netflix-Serie »The OA«) zu einem kleinen aber feinen Kanon zeitgenössischer, bewundernswert engagierter, poetischer Science Fiction-Film-Gemmen. Letztens habe ich einem Hausbesuch »Blade Runner 2049« (2017) vorgeführt — für mich einer der seltenen Fälle, wo ‘ne Fortsetzung um Klassen besser ist als das Original. Ich hab ihn zum sechsten, der Gast zum ersten mal gesehen und ich war baff, wieviel ich immer noch aus diesem Film schöpfen kann.

An die älteren franko-kanadischen Sachen von Villeneuve kommt man hier in Europa leider nicht rann, obwohl einige davon bei uns sogar im öffentlichen-rechtlichen Fernsehen versendet wurden. Als nächstes stehen ja zwei Teile »Dune«-Verfilmung nach dem SF-Klassiker von Frank Herbert an. — Hier als Kostprobe des Könnens von Denis Villeneuve »Next Floor«, ein Musterbeispiel, wie man wirklich ›spooky shit‹ in eine aufrüttelnd komische Grotesque verwandeln kann:


Samstag, 08. Dez.: Heutiger Tipp ist wieder ernster (bietet imho dennoch einige Gelegenheiten zum Schmunzeln). Als ich noch mehr Eierschalenreste hinter den Ohren hatte, war ich für so Leuz wie Rüdiger ›ich mach schon mal den Wein auf‹ Safranski, Peter ›die männliche Antje der Befund-Philosophie‹ Sloterdjik oder (um den geht’s) Norbert Bolz noch geduldiger und empfänglicher … oder sind diese Herren im Lauf des neuen Jahrtausends einfach rapide dööferer, ängstlicher, eitler kurz: unvernünftiger geworden? Damals hab ich noch Magazine wie »Cicero« gelesen ohne sofort zu meinem Revolver zu greifen und zitierte sogar Texte von Norbert Bolz ausführlicher in meinem Blog: »Lesende Weltwanderer« (gutes Beispiel, warum ich ein unentspanntes Verhältnis zu meiner Schreibe hab).

Mittlerweile scheint Bolz die Welt des zivilen Sprechens und unaufgeregten Denkens weitestgehend abhanden gekommen zu sein und er hat sich merklich radikalisiert. Aus einem, der mal liberal-konservativ originell war, wurde jemand, der eifrig ein Spektrum irgendwo zwischen elitär-populistisch bis krypto-völkisch bedient. Wie sich wo ein Wandel vollzieht, haben Autor Wolfgang Ulrich (auf Twitter: ) und Kunsttheoretiker Jörg Schaller (auf Twitter: ) in einem langen, und wie ich finde, sehr fein geschriebenen und dargelegten Analyse-Gespräch zu Bolz’ twitter-Texten bei »Pop-Zeitschrift Kultur & Kritik« unter dem zum Niederknien schönen Titel »Im Stahlgezwitscher« besprochen.


Sonntag, 09. Dez.: Ich absolviere ja (Dank der Mediathek der Stadtbücherei Frankfurt) dieser Tage eine Erst- bzw. Wiedersichtung von »Games of Thrones« (is’n Thema für sich) und jedesmal, wenn bei den fast durchwegs hörenswerten Audio-Kommentaren die Mitwirkenden (verständlicherweise) über den Vorspann als »beste Main Title-Sequenz ever abjubeln, denk ich mir: »Jo, schon doll, vor allem, weil der für Zweitwelt-Fantasy so wichtige geographische Orientierungs-Service geleistet wird, aber nicht so hübsch, wie z.B. einer der schönsten Vorspanne (Vorspänner? Vorspanni?) der letzten Jahre: dem zur Piraten-Äktschn-Soap ›Black Sails‹«.

Die Serie selbst find ich nicht so knorke und hab entsprechend anfangs nur zwei, drei Folgen weit reingeguckt. Aber das als Elfenbeinskulptur gestaltete Seeräuber-Panorama im Verbund mit der fetzigen Metal-Folk-Mukke von Bear McCreary löst bei mir stets Gänsehaut aus. Der Serie geb ich vielleicht noch mal ‘ne Chance, wenn sie bei einem der Streaming-Anbieter, bei denen ich Kunde bin, für umme angeboten wird.

Hier nun ein feiner Artikel bei »The Art of the Title«, wo die vielen Einflüsse besprochen werden. Ich hab mir beim Gucken der ersten »Black Sails«-Folge ja sofort gedacht: »Das ist voll vom Neo-Barock-Meister Kris Kuksi geklaut!«, einem komplett Irren bildnerischen Collage-Künstler, den ich vor Jahren über das Blog »This Is Colossal« entdeckt habe. — Für die Star Wars-Freunde unter euch, hier ein Beispiel für Kuksi’s Humor: »Imperial Rights Fighter«.


Montag, 10. Dez.: Heutiger Tipp des Tages hat mich dazu verleitet, spaßeshalber mal zu vergleichen, wie es in den verschiedenen europäischen Wikis um den Film »Der König und der Vogel« (1979) von Jacques Prévert und Paul Grimault bestellt ist.

Trostpflaster: es gibt den Film in seiner restaurierten Fassung billig auf DVD oder bei Amazon Prime für umme. Wer »Der König und der Vogel« nicht kennt, sei herzlich dazu ermuntert, ihn nachzuholen. Ich habe den einmal Anfang der 80er als Kiddi im Dorfkino gesehen, so richtig mit Dia-Leinwand und Projektor-Geratter, zusammen mit vielleicht zehn anderen Rotznasen unter Aufsicht meiner größeren Schwester.

Erst letztes Jahr hatte ich via Amazon Prime die Gelegenheit ihn wieder mal zu gucken, und heut Abend ist er wieder dran. Unmöglich zu übertreiben, wie prägend diese Zeichentrickgemme für mich war: hat zusammen mit »Der Dunkle Kristall« (den ich damals 2-3 Jahre später sah) wesentlich dazu beigetragen, dass ich mit Mainstream-Fantasy nie wirklich warm geworden bin und stattdessen ehr die krummeren Pfade der sogenannten ›weird fiction‹-Phantastik eingeschlagen habe, für die Surrealismus, Symbolismus bis hin zu Dada einflussreicher sind, als klassische Mythen, Sagen und Heldengeschichten.

Meine Helden von Arte haben ein feines kleines Filmchen gestaltet: »5 Gründe um ›Der König und der Vogel‹ wieder zu sehen«.

Als herausragendes Exempel von dem, was ich gern ›die andere Fantasy‹ nenne, reicht der Einfluss von »Le Roi et l’Oiseau« weit in die heutige phantastische Populärkultur. An den Video-Spiel-Klassiker »Ico« hab ich auch gedacht, aber vor lauter Husch-Husch vergessen zu erwähnen. Ich Danke Rainer Sigl vom ›VideoGameTourism‹-Blog für seinen Hinweis auf den feinen Artikel »Ahnenforschung im Traumschloss« von Christof Zurschmitten. — Lass Dich umarmen, Kamerad!


Mittwoch, 12. Dez.: Ich arbeite heute an meinen Jahresbückblick-Kurzbesprechungen von Games für . Da kann jeder auch Bronze-, Silber- und Gold-Pokale vergeben und ich nutze die Gelegenheit, euch meinen Gold-Titel hier sozusagen vorab gesondert zur inniglichen Beherzigung anzuempfehlen.

Über fünf Jahre hinweg, fast im Alleingang, hat Illustrator (der sich das Game-Programmieren selbst beibrachte) Jason ›Jake‹ Roberts () an gefrickelt und herausgekommen ist ein im Grunde sehr simples und zugleich filigranes, poetisches Spiel. — Beim Versuch die quecksilbrige Natur der Wirkung von ästhetischen Reizen auf das Gemüt zu fassen neige ich bisweilen zum intermedialen Vergleich und bemühe deshalb gern mal z.B. musikalische Begriffe für Bücher, literarische für Filme, dramaturgische für Musik u.s.w.. Auf dem schier unüberschaubaren Feld der Video-Spiele gehört der Bereich der ›Game-Lyrik‹ womöglich zu den kleinsten, aber »Gorogoa« ist ein leuchtendes Beispiel für das großartige Potential dieses zarten Genres. Alles wird mit wunderschönen handgezeichneten Illustrationen ›erzählt‹, weitestgehend (auf den ersten Blick) realistisch. Die Weise, wie man hier von einem Bild ins nächste seinen Weg durch Erinnerungen finden muss, und die Art wie verschiedene Motive durch Schieben, Vergrößern und Verkleinern, Hinaus- und Hinein-Zoomen gegenübergestellt werden und sich dabei Sinn-Harmonien und Bedeutungs-Kontraste ergeben, oder wie sich plötzlich Zusammenhänge drastisch ändern können, haben mich zutiefst beeindruckt und berührt. — Leider hat das Gerät, auf dem ich »Gorogoa« gekauft habe (mein iPad mini) einen bösen Bildschirmschaden und ich kann das Spiel nicht mehr komplett sehen. Zu gerne würde ich »Gorogoa« noch ein paar mal ganz genau Notizen führend durchwandern, um haarscharf aufzupassen, was da eigentlich erzählt wird. So kann ich nur aus der Erinnerung zusammenfassen, dass es eine gänzlich überraschende Mischung aus Bildergeschichte, bewegtem Comic und Puzzle-Spiel ist, der ich ohne mit der Wimper zu zucken Gold als mein liebstes Spiel des Jahres 2018 gebe.